Von Roman Luettin
Posted: Updated:
0 Kommentare

Im Juli 1957 schreibt der Schweizer Komponist Heinz Holliger „Sechs Lieder“ nach Gedichten von Christian Morgenstern. Rückblickend bezeichnet er sie „als einziges Werk aus dieser Zeit, das wirklich persönlich erscheint“. Im Duo mit Jan Philip Schulze widmet sich Sarah Maria Sun beim diesjährigen Heidelberger Frühling diesen Liedern.

Erfahrung hilft, wenn man über Musik spricht. Dabei ist fast jede Bewertung oder Beurteilung eines Werkes zugleich Rückversicherung. Haben wir „richtig“ gehört, assoziiert oder gar verstanden? Wenn es um Neue Musik geht, fehlen meist die Begriffe, um darüber zu sprechen. Noch schwieriger wird es, wenn die Musik nur andeutet, mit flüchtigen Gesten oder mit der eigenen Sprache spielt. Aber einen Versuch ist es wert.

Das erste Lied („Vorfrühling“) beginnt im Dialog. Klavier und Gesang erschaffen im Zusammenspiel eine Welt der Einsamkeit:  „O horch! Mir ist, ich müßte mit vergehn“. Dem Hörer wird klar: Leben und Liebe sind eins.


Den „Abend“ prägen gedämpfte Arpeggien im Klavier. Die Szene wirkt wie ein Perpetuum Mobile, niemals endet die Wanderschaft. Schlichte Melodien, nobel und klar, suggerieren eine trügerische Versöhnung. Es ist Ruhe. Der Abend ist da, er bringt uns den Schlaf und zündet unser Nachtlicht an – die Sterne.


In dem Lied „Schmetterling“ wirken die  Klänge wie von Philip Glass komponiert, Bilder von flatternden Flügeln. Wie ein kurzer Hauch, eine Frage. Wo fliegst du hin?


Das vierte Lied heißt „Vöglein Schwermut“. Holliger wählt den Flug um die Welt, der Kontrast zum „Schmetterling“ könnte nicht größer sein. Ein leiser Ostinato-Puls hält die Hoffnung auf Zukunft am Leben. Doch der Vogel Schwermut – Abgesandter des Todes – löst alle Grenzen auf, zwischen Sprache und Gesang, Musik und Theater, Sprechen und Schweigen, Leben und Tod.


Das Gedicht „Vor Sonnenaufgang“ beschreibt einen Moment der Ewigkeit. Die Erde schwebt im Morgenlicht, in der Musik klingt Zwölftöniges an. Für Holliger verstummen selbst die Geister. Raben halten ein Gericht.


Nun ist es „Herbst“ geworden, doch nicht für uns, für die ganze Welt. Sie macht sich bereit für den Winterschlaf. Im Nachspiel des Klaviers klingt sie an, die ewige Ruh’.

Ähnliche Beiträge

Elina Albach möchte die Szene der Alten Musik verändern. Die Cembalistin im Musikalischen Interview.

"Auf Europa!" und die Leitgedanken der Aufklärung soll beim Frühling in einem Konzert mit...

Die Klassikbranche hat mal wieder einen jungen Star aufgebaut, hoch gehandelt und fallen gelassen....

Hinterlasse einen Kommentar