Von Roman Luettin
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Warum ich Probleme habe mit Programmheften.

Als Konzertgänger trete ich mit dem Kauf eines Programmheftes in einen einseitigen Kommunikationsakt mit dem Konzertveranstalter, in den meisten Fällen mit dessen Dramaturgen. Ein reines Brahms-Programm der Staatskapelle Weimar im März 2018 gab Anlass für diesen Kommentar. In dem Heft heißt es: „Brahms kontrastiert, stellt zwei Welten als eigenständigen instrumentalen Entwurf einander gegenüber: die kompositorische, gleichsam abstrakte Struktur des Kopfsatzes, die ihre Kraft aus der eigenen Konsequenz zieht, und die warm atmende melodische Geschlossenheit im Finale.“

Das Heft scheint zunächst konservativ konzipiert und inhaltlich wenig aussagekräftig. Die meisten Beiträge – eine übliche Mischung aus zitierten Briefwechseln, Solistenbiografie sowie Werkgeschichte und Pseudo-Analyse – befassen sich mit dem Ringen um die Form der ersten Symphonie von Johannes Brahms und dessen Probleme in der Nachfolge Beethovens. Meine Überraschung über den dürftigen Gehalt dieser Texte hält sich in Grenzen. Die Tatsache jedoch, dass ich mir einen Großteil der vermittelten Informationen in Sekundenschnelle selbst beschaffen kann, verwundert mich. Ist denn der einzige Sinn und Zweck eines Programmheftes die Konservierung der eindimensionalen Musikgeschichtsschreibung? Letztlich wäre die Aufgabe solcher Texte als klassische Dienstleistung zu erklären. Schaufelt sich also die vormalige Bildungsinstitution Konzert ihr eigenes Grab auf dem selbstreferenziellen Programmheftfriedhof?

Die Verantwortlichen für solche Publikationen verhandeln neben ästhetischen Inhalten immer häufiger auch Politisches. Darüber hinaus verantworten Dramaturgen Planung, Produktion und Kommunikation. Nötig ist ein andauernder Spagat vom Aufspüren der Themen und Stoffe einer Spielzeit bis hin zur Entwicklung eines übergreifenden Sinnzusammenhangs der einzelnen Produktionen. Zwischen der Endprobenkritik und dem Einführungsvortrag steht auch die Mitverantwortung für das Profil des Hauses, samt seinem Ensemble, samt der künstlerischen Arbeit auf der Agenda.

Es gibt heute nicht mehr nur das eine Publikum, es gibt mehrere. Dementsprechend gibt es zunächst keine „richtige“ oder „falsche“ dramaturgische Arbeit. Die jüngsten Veränderungen in der deutschen Theater- und Konzertlandschaft haben Einfluss auf die Voraussetzungen und Wirkungsweisen einer erfolgreichen Dramaturgie. Das perfekte Programmheft gibt es nicht!

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Es sollte Informationen enthalten, die nicht in meinem Konzertführer stehen, es sollte Anreize bieten zum Selber-Weiter-Denken, zum Selber-Besser-Hören, kurzum: die inhaltliche Auseinandersetzung ankurbeln und den Bezug zur realen Welt herstellen. Zugleich sollte das Heft aber auch jene Gruppe der Konzertgänger bedienen, die eben keinen Konzertführer zuhause im Regal stehen haben, die nicht mit klassischer Musik sozialisiert sind. Diesen Balanceakt zu meistern, verlangt Handwerk, Bodenständigkeit, aber auch Fantasie und Raffinesse, schließlich sollen diese Texte vor allen Dingen Brücken bauen zwischen der Musik, den Musikern und dem Publikum. Das Konzert ist heute kein Tempel mehr, in dem der bürgerliche Bildungshumanismus beweihräuchert wird, es finden auch Konzerte in Scheunen und auf Bahnhöfen statt. Doch deshalb darf der Dialog zwischen Kunst und Bildung nicht konstruiert werden, schon gar nicht durch scheinbar neunmalkluge Texte, wie dieser hier einer zu sein scheint.

Die in öffentlicher Trägerschaft organisierten Theater- und Konzerthäuser in Deutschland haben sich noch vor einer weiteren Instanz zu verantworten: der Politik. Die Debatte um das letztjährige Silvesterkonzert der Dresdner Staatskapelle – ein Programm mit Unterhaltungsmusik aus den dreißiger und vierziger Jahren anlässlich des 100. Geburtstags der UFA – hat gezeigt, wie dringend notwendig eine Aufarbeitung von Komponisten wie Theo Mackeben oder Franz Grothe und deren Musik immer noch ist.

Nach dem Konzert der Staatskapelle Weimar bleibt jedoch nur ein bitterer Marketingnachgeschmack haften, „denn schließlich entsprechen Brahms’ feinsinnig gestrickte Motivgeflechte bei zugleich herrlich blühendem Klangstrom ganz dem historisch gewachsenen Klangideal der Staatskapelle.“

Das Arbeitsfeld von Dramaturgen scheint nur unscharf umrissen, fachliche Flexibilität ist das höchste Gut in dieser Branche. Wie können Theater, Konzerthäuser und Festivals es zukünftig besser schaffen als bisher, mit ihren Programmheften eine Brücke zum Publikum zu bauen, die zu echten Diskussionen um die Sache führt, was mehr ist als nur Zustimmung und Applaus? Antworten darauf sind dringend gesucht, nicht nur beim nächsten Symphoniekonzert in Weimar, auch, zum Beispiel, im neuen Bildungsplan der Großen Koalition.

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