Von Sebastian Herold
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Der Sänger mit dem schlanken Bariton macht die oft gehörten, alten Lieder zu einem neuen Ereignis: eine schlichtweg grandiose Darbietung! Holger Falk gastiert, begleitet von Klavierpartner Hilko Dumno, beim Heidelberger Frühling mit dem Zyklus „Dichterliebe“ op. 48 von Robert Schumann, nach Heinrich Heine. Anfangs singt er fast verhalten. Die ersten Lieder sind pure Poesie. Doch spätestens, als es zum Rhein geht, zum heiligen Strome, muss man aufhorchen und mit „Ich grolle nicht“ offenbart sich eine ganz eigene, zupackende Interpretation. Schier schäumend vor Wut lässt Falk vom ersten Ton dieses Liedes an keinen Zweifel aufkommen, dass sein lyrisches Ich sehr wohl grollt. Trotz und tiefe Kränkung sprechen aus jedem Ton; dass die schöne Angebetete kein Herz oder vielmehr nur ein totes, eiskaltes hat („das weiß ich längst“), quittiert er mit Verachtung und quasi zähneknirschend, mit geräuschhaft herausgepresster Diktion. Resigniert zieht sich der Sänger beim munter hereinwalzenden Dreiachteltakt der „Flöten und Geigen“ in die schützende Rundung des Flügels zurück. Fahl und ermattet tönt sein „Hör ich das Liedchen klingen“. Und in „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ kommentiert Holger Falk die alte Geschichte der unglücklichen Liebe, die sich immer wiederholt, mit einem Kopfnicken, als wolle er sagen: Jaja, wir kennen es doch, können wir jetzt weitermachen?

Es ist das szenisch aufgeladene Wechselspiel von subtilen und expressiven Momenten, das Falks Schumann-Lesart so besonders macht. Sie ist ja auch Teil eines ungewöhnlichen Konzerts, das im Rahmen der Reihe „Neuland.Lied“ in der HebelHalle stattfindet, entstanden als Koproduktion mit dem Podium-Festival in Esslingen. „Dichter_lieben“ heißt es, Idee und musikalische Konzeption stammen von Steven Walter. Er hat zwei thematisch verwandte Werke, nämlich Schumanns „Dichterliebe“ und Thomas Manns Novelle „Tonio Kröger“ mit einem zeitgenössischen Liederzyklus verschränkt: Elena Langers „Landscape with Three People“ für Sopran, Countertenor, Oboe und Ensemble.

Eine halbszenische Aufführung, quasi ein Pasticcio, vor schwarzem Hintergrund. Es geht um Liebe. Es geht um Verlust. Abwechselnd werden die Werke abschnittsweise nebeneinandergestellt. An einem Tisch in der Bühnenmitte macht der Schauspieler Thomas Halle den von René Michaelsen gekürzten Novellentext Manns lebendig: baut rhetorische Pausen ein, wenn die Figuren nachdenken, oder beschleunigt die hitzig-verschwurbelten Monologe des Protagonisten.

Elena Langer, geboren 1974 in Moskau und heute in London tätig, vertonte für „Landscape“ Gedichte des britischen Dichters Lee Harwood. Ihre reichhaltige, tonal geprägte Klangsprache erinnert oft an Benjamin Britten. Begleitet von einer Streichergruppe mit Cembalo (Elina Albach) formen die Sopranistin Sarah Maria Sun und Countertenor William Howard Shelton gemeinsam mit dem Oboisten Micha Häußermann ein gesangliches Trio. Sun beeindruckt mit ungeahnten Höhen, Shelton mit seiner glasklaren Stimme.

Ein experimentelles Konzertformat an einer kleinen, alternativen Spielstätte: Die rund zweihundert Zuhörer waren aus gutem Grund begeistert.

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