Von Silja Meyer-Zurwelle
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Das Licht im Saal geht aus. Bühne frei. Noch applaudieren die Leute, da sitzt Fazil Say schon am Flügel und spielt. Chopin. Wieso hat er es so eilig?

Diese Frage lässt sich erst später am Abend beantworten. Zunächst erklingen die drei posthum veröffentlichten Nocturnes, und eigentlich wäre zu erwarten, dass allmählich Stille einkehrt und Konzentration. Aber das Filigrane dieser Musik, das unglaublich sanfte Pianissimo des cis-moll-Themas kommt in den hinteren Reihen, wo es hustet und raschelt und ein Handy klingelt, nur schwer an. Fazil Say jedenfalls ist mittlerweile in der Musik angekommen.

Er spielt die Nocturnes wie in Gedanken versunken, eingeschlossen der Freiheiten, die er sich so gerne nimmt. Mit extrem viel Rubato, mit improvisierten Verzierungen am Rande zum Jazz und mit einer ulkig wiederkehrenden Bewegung der hohlen Hand, mit der er die Töne von den Tasten zu nehmen und in den Raum werfen zu wollen scheint.

In der „Pathétique“ von Ludwig van Beethoven finden Publikum und Pianist erstmals zueinander. Vielleicht hätte dieses wuchtige, formsprengende Werk dramaturgisch viel besser an den Anfang gepasst. Erstens, weil es jeder kennt – oder zu kennen glaubt. Zweitens, weil Fazil Say bei diesem Komponisten präsent und geradlinig agiert und hohle Hände nicht für angebracht hält. Ob Beethoven oder Chopin, Fazil Say spielt das alles fließend und wie am Schnürchen, er ist den virtuosen Anforderungen spielerisch gewachsen, keine Frage. Doch die Dialoge, in die er als Interpret mit den jeweiligen Kompositionen tritt, verlassen das Podium nur selten. Man fühlt sich als Zuhörer außen vor, wie ein objektiver Betrachter. Immerhin gibt es einiges zu sehen, denn mit Say sitzt ja nie nur der Pianist am Klavier, sondern gleichzeitig ein vielseitiger, zu Improvisationen aufgelegter Komponist. Ist vielleicht auch ein Dirigent an ihm verloren gegangen?

Mal spielt er, als würde ihm die Musik gerade erst selbst einfallen. Mal winkt er, als säße im Flügel ein Orchester, das er durch die Stücke führt. Nach der Pause stehen sieben Préludes von Claude Debussy auf dem Programm. In „La Cathédrale engloutie“ versinken die Kirchenglocken im Pedal, in „La danse de Puck“ springen die Finger keck auf den Tasten hin und her, im punktierten Rhythmus. Am Ende des Konzerts erklingt „Yürüyen Kösk“, eine Eigenkomposition. Hochromantisch, authentisch, eine Programmmusik mit volkstümlichem Flair. Dem Werk liegt eine türkische Legende zugrunde: Ein Haus, idyllisch am Meer gebaut, wird abgerissen und versetzt, weil der Besitzer lieber das Gebäude opfert, als einen Ast seiner Platane abzusägen. Diese Story kommt gut an beim Publikum. Stehende Ovationen gibt es erst nach der dritten Zugabe, Says zum Youtube-Hit gewordener Komposition über Gershwins „Summertime“.

Zum ersten Mal fühlt es sich an, als würde er wirklich für das Publikum spielen. Wieso erst jetzt? Vielleicht lautet die richtige Antwort auf die Irritation des Konzertanfangs: Fazil Say widmet seine Zeit lieber der Musik, als dem Drumherum des Konzertrituals.

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