Von Sebastian Herold
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Im Interview spricht der Liedbegleiter und Rektor der Karlsruher Musikhochschule Hartmut Höll über prägende Lehrer, Studienabbrecher und Gebühren für ausländische Musiker.

Herr Höll, Sie sind ein gefragter Liedbegleiter. Seit 2007 leiten Sie die Hochschule für Musik Karlsruhe. Was hat Sie bewogen, sich auch noch die Hochschulpolitik zuzumuten?

(Lacht) Ich bin seit 1992 Dozent in Karlsruhe. Vor gut zehn Jahren wurde mir eine volle Stelle im Ausland angeboten und ich überlegte mir: Gehe ich oder bleibe ich? Nehme ich selbst in die Hand, wovon ich denke, dass es besser sein könnte? Ich habe immer gerne Dinge vorwärts bewegt und wollte mich der Verantwortung stellen. In der Zeit veränderte sich sowieso viel. Dietrich Fischer-Dieskau hatte aufgehört zu singen, auch andere Liedpartner zogen sich zurück. Ich arbeitete dann zwei Jahre vor allem für die Hochschule, mit einem fantastischen Team. Heute kann ich es mir wieder erlauben, ab und an zu konzertieren oder eine Meisterklasse zu geben. Das ist dann die pure Erholung vom Büro.

Wie hat sich das Hochschulleben über die Jahre verändert?

Der größte Einschnitt war natürlich die Umstellung auf Bologna, auf das Bachelor- und Master-System. Es ist nicht unbedingt von Vorteil für die künstlerische Ausbildung oder für Auslandssemester. Gerade angehende Musiker und Künstler suchen sich ihre Dozentenpersönlichkeiten, sie wollen nicht mal hier, mal dort hineinschnuppern. Ansonsten ist leider die Bürokratie nicht weniger geworden, gerade müssen die Grundordnungen neu geschrieben werden, weil das Landeshochschulgesetz novelliert wurde. Eine Riesenarbeit.

Und was hat sich bei Ihnen in Karlsruhe geändert?

Wir sind nun auf einem Campus! Davor hatten wir drei Häuser mitten in der Stadt. Der Campus wird geschätzt, man kann sich endlich austauschen. Früher wussten die einen nicht von den anderen.

Wie gelingt es, die Studierenden auf die Realität des Musikbetriebs vorzubereiten und gleichzeitig die künstlerische Individualität nicht aus den Augen zu verlieren?

Wer Musiker werden möchte, hat einen persönlichen Traum: Ich will das. Die wenigsten fragen sich, was später daraus wird. Als ich Abitur machte, wusste ich nicht, ob ich Medizin oder Klavier studieren soll. Ich fragte meinen Deutschlehrer, den ich sehr verehrte. Ach, mach mal Musik, sagte er. Und ich ließ mich sozusagen blind auf das Studium ein.

Aber muss die Hochschule nicht auf den konkreten Bedarf reagieren?

In der Strukturdebatte der letzten Jahre war der Bedarf ein großes Thema. Wenn jemand mit Fleiß, Lernbegierde, Konzentrationsvermögen und Geduld studiert, seine Persönlichkeit bildet und an die Grenzen dessen geht, was er über sein Talent mitbekommen hat, bin ich fest davon überzeugt, dass er auch seinen Ort findet. Wir haben zum Beispiel eine Sängerin aus Südamerika, die fantastisch bei der Popmusik war, sich aber mit Oper schwertat. Sie kämpfte, kam voran, und irgendwann merkten wir, dass sie sich mit großer Selbstsicherheit in der Neuen Musik bewegt. Ich habe ihr empfohlen, sich das als zweites Standbein aufzubauen, heute ist sie total glücklich.

Kann die Hochschule denn praktische Hilfestellung leisten?

Wir haben in Karlsruhe ein berufsbezogenes Angebot, auf das ich stolz bin. Da geht es um Themen wie Vertragsrecht, Steuern, „Selbstdarstellung“ oder die eigene Homepage, mit hervorragenden externen Dozentinnen und Dozenten. Ich setze mich selbst ab und zu da in die Seminare!

Sehnen sich viele Studierende nicht nach einer festen Stelle?

Ich denke, es gibt Möglichkeiten auch über das Musizieren hinaus. Eine meiner Studentinnen hatte früher Schulmusik studiert, konnte sich aber nicht vorstellen, an die Schule zu gehen. So wie ich ihre Persönlichkeit einschätze, fragte ich sie, ob der Musikjournalismus vielleicht eine Option wäre. Man kann seine musikalische Erfahrung einbringen und arbeitet trotzdem ganz anders. Sie wollte es probieren.

Der Tenor Ilker Arcayürek, mit dem Sie beim Heidelberger Frühling aufgetreten sind, hat keinen Abschluss. Ein Einzelfall?

Ich bin selbst ein Studienabbrecher! Mein wunderbarer erster Lehrer in Stuttgart, Paul Buck, hat mich sehr gefördert. Aber ich wollte auch noch mit einem anderen Lehrer arbeiten, also sagte ich zu Buck, dass ich gerne wechseln möchte. Es fiel ihm schwer genug, aber er fragte seinen Kollegen. Ich finde das vorbildhaft: Was für ein Theater gibt es manchmal bei Lehrerwechseln! Bei diesem anderen Lehrer hat mich vieles inspiriert, trotzdem war ich nicht glücklich und schrieb ihm einen Brief: Danke für alles, aber ab sofort komme ich nicht mehr. Ich habe die Hochschule nicht mehr betreten. Ich konzertierte dann, irgendwann kam ein Anruf des damaligen Leiters der Frankfurter Opernschule. Er fragte, ob ich Interesse an einer Professur hätte. Ich sagte: Ja, aber ich habe keinen Abschluss. Er lachte nur: „Ach, Sie auch nicht?“

Wäre das heute noch möglich?

Nein, und das ist eine Katastrophe. Alle Ausschreibungen für Dozententätigkeiten verlangen einen Hochschulabschluss. Bei der Sibelius-Akademie in Helsinki wurden tolle Cellisten nur deshalb nicht eingeladen, weil sie keinen Abschluss hatten. Ich kann nur jedem raten, einen zu machen, egal wie und wo. Hauptsache, irgendein Papier. Sonst kann das Jahrzehnte später bitter enden. Ehemalige Studierende schreiben uns, ob sie nicht doch noch ihr Studium abschließen können, was aber nach 20 Jahren nicht mehr geht. Wer abbricht, dem sage ich: Gut, dann werde glücklich damit, aber du musst wissen, dass du es später nicht bedauern darfst.

In Baden-Württemberg wurden im Wintersemester 2017/18 Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer eingeführt. Wie finden Sie das als Rektor einer Musikhochschule?

Ich halte es für eine zweischneidige Sache. Wenn man in den USA studieren will, ist das sehr viel teurer als in Deutschland. Vor einigen Jahren fragte ich bei Aufnahmeprüfungen, ob die Studierenden sich trotzdem bewerben würden, wenn es was kosten würde. Sie lächelten nur: Selbstverständlich! Viele wollen unbedingt hier studieren. Uns ist aber sehr bewusst, dass gerade Studieninteressierte aus Südamerika sich mit den Gebühren schwertun. Die Musikwelt ist doch besonders international.

Können Sie ausländischen Bewerbern denn helfen?

Wir haben Studierendenpatenschaften aufgelegt. Bei der Semestereröffnungsfeier vor ein paar Tagen habe ich wieder persönlich dafür geworben. Es geht um 6.000 Euro für ein Masterstudium. Das ist eine Menge Geld, und es gibt nicht viele, die sagen, das zahle ich. Wir versuchen deshalb zum Beispiel, die Patenschaften persönlich zu halten, oder veranstalten Konzerte für geladene Gäste, die vermögend sind. Bei uns studiert eine Palästinenserin im Master, die sich anfangs überhaupt nichts leisten konnte, sie wird jetzt dankenswerterweise von großzügigen Menschen unterstützt. Ihr Traum ist es, einmal in Ramallah eine Musikhochschule zu gründen. Wir tun, was wir können. Über Stipendien schütten wir etwa 60.000 Euro an unsere Studierenden aus. Aber es ist immer noch zu wenig. Niemand soll aus finanziellen Gründen nicht studieren können.

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