Von Roman Luettin
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Vom Verheizen junger Dirigenten oder: Was aus dem Fall Lionel Bringuier zu lernen ist

Ein Gespräch zwischen zwei Freunden beendete das gestrige Gastspiel des Tonhalle-Orchesters Zürich beim Heidelberger Frühling. Die Wahl der Zugabe – „Nimrod“ aus Edward Elgars Enigma-Variationen – deutet es nicht nur an, sie spricht es auch aus: Zwischen dem Dirigenten Lionel Bringuier und seinem Orchester ist mittlerweile so etwas wie Burgfrieden eingekehrt, der Musik zuliebe.

Zwei Jahre nach Bringuiers Amtsantritt in Zürich hatte das Orchester bekannt gegeben: Sein Vertrag werde nicht verlängert. Warum es plötzlich nicht mehr passte, darüber konnte nur spekuliert werden. Bringuier war erst 2014 auf David Zinman gefolgt, mit 28 Jahren übernahm er das Orchester, 2016 kam das Aus, heute ist er 32. Zur Zeit tourt er mit dem Tonhalle-Orchester ein letztes Mal durch Europa. In den nächsten Monaten konzertiert er mit dem Royal Philharmonic Orchestra, der Staatskapelle Dresden, dem Los Angeles Philharmonic. Ein eigenes Orchester hat Bringuier dann nicht mehr. Wieder einmal hat der Klassikmarkt einen jungen Musiker nach oben katapultiert, hoch gehandelt und fallen lassen.

Wie die Agenten, Medien und Veranstalter in dieser Branche mit jungen Dirigenten umgehen (und sie werden immer jünger), das erinnert an ein künstlich aufgesetztes Operettenlächeln: Der Bringuier schafft das schon, irgendwie. Hätte man aber nicht schon viel früher eingreifen sollen? Und wer trägt in so einem Fall die Verantwortung? Egal. „Immer nur lächeln, und immer vergnügt. Immer zufrieden, wie’s immer sich fügt,“ heißt es bei Franz Lehár. Junge Dirigenten haben das drauf, Operetten gehören schließlich zum gängigen Repertoire in Kapellmeisterpositionen.

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Studium, Assistent, Kapellmeister, Chefdirigent – dieser Weg hat Tradition. Das Handwerk erlernt man im Studium, das breite Repertoire während der Kapellmeisterzeit an der Oper. Wer durchkommt, wird GMD an der Oper oder im Konzerthaus. Früher zumindest – denn immer weniger Chefdirigenten heutzutage haben noch die klassische Laufbahn absolviert. Inzwischen werden sie „entdeckt“, Wettbewerbe wie der „Donatella-Flick“ in London oder der „Gustav-Mahler“ in Bamberg spielen eine wichtige Rolle. Meist winkt dem Sieger als Preis eine Assistentenstelle für ein oder zwei Spielzeiten bei einem großen Orchester. Ein paar Konzerte, Probenarbeit, Selbststudium, der Schritt zur Agentur: Anfragen kommen dann in jedem Fall.

Wer aber rät und entscheidet, wann und wohin es nach so einem Erfolg geht? Erste Anlaufstelle sind die Professoren. Oft sind sie mehr als nur die Lehrer, sogar mehr als Mentoren und Ratgeber. Sie entscheiden, wann und wo zugesagt wird, wofür der junge Mann schon bereit ist und wofür noch nicht. Doch der ist in der Regel in großer Versuchung, er ist nicht nur hungrig nach Erfahrung, auch nach schnellem Ruhm, Geld und Ehre.

Um diesen Druck zu mindern, müsste die Ausbildung breiter aufgestellt, sollten Karrieren entschleunigt werden. Was nicht heißt, dass Chancen wie diejenige, die Bringuier geboten worden war, grundsätzlich sinnlos sind. Sie müssten weiterhin möglich sein. Schon seit 1991 gibt es das Dirigentenforum des Deutschen Musikrats: ein bundesweites Förderprogramm für den dirigentischen Spitzennachwuchs, das Workshops und Meisterkurse anbietet mit internationalen Solisten, Assistenzen vermittelt und zu ersten eigenen Konzertengagements verhilft. Wer nach zwei Jahren immer noch überzeugt, kommt auf die Künstlerliste der „Maestros von morgen“. Die Stipendiaten werden ins Berufsleben begleitet, doch an erster Stelle steht das Studium. Aber auch hier gilt: Nur wer jung ist, hat eine Chance, die Altersgrenze für die Bewerbung liegt bei 27 Jahren. Im Land des Lächelns müssen junge Dirigenten also als erstes lernen, „trotz Weh und tausend Schmerzen“ länger durchzuhalten. Denn „wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an,“ und im übrigen geht man in diesem Beruf nicht in Rente, Dirigenten können weiterarbeiten, bis sie weit über achtzig sind. Das gilt auch für Lionel Bringuier.

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