Von Karl Ludwig
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Eigentlich ist Toni Ming Geiger Liedbegleiter. Aber er experimentiert auch gern mit Konzertformen, mit ungewöhnlich konzipierten, oft multimedialen Programmen. Der 1990 in München geborene Pianist möchte mit seinen innovativen Projekten das Feuer klassischer Musik weitergeben und nicht die Asche anbeten, wie er es auf seiner Website mit einem Motto von Gustav Mahler sagt. Beim Deutschen Musikwettbewerb im März nahmen Geiger und die Sopranistin Elena Harsányi mit dem Programm „Venus Mater – Von Heiligen und Huren“ teil, in dem sie die facettenreiche Geschichte der Marienfigur im Lied aufrollen.

Mal strahlend überhöht (Hindemith), mal wehmutsvoll schimmernd (Schubert), mit kühler Körperlichkeit (Killmayr), südlichem Schlummer (Brahms) oder häretischem Sarkasmus (Schönberg) nimmt die Muttergottes dabei immer andere Formen an – im Dialog zwischen den Zeiten, Religionen und Geschlechtern. Dariya Maminova lässt in ihren „Sieben Marienliedern mit Hyäne“, einem gemeinsam mit Geiger erarbeiteten Werk, gar die Aasfresserei traditionellen deutschen Liedguts hinter sich und stürzt die Gottesmutter vom Thron: „Gib mir deine Krone, Maria, bevor sie noch fällt“.

Ich treffe den diesjährigen Stipendiaten des Heidelberger Frühling wenige Tage vor Festivalbeginn in der Kölner Musikhochschule, wo er 2017 seinen Master gemacht hat. „Ich sehe noch viel Potenzial in der klassischen Konzertform,“ sagt er. Offen und bestimmt antwortet er auf meine Fragen; die Richtung seines künstlerischen Werdegangs liegt ihm klar vor Augen. „Ich möchte wegkommen von der sehr strikten, textgetreuen Interpretation und sie um Szenisches erweitern.“ Liederabende gestaltet er nicht mehr als schlichte Reihung von klassischen Stücken, sondern er stellt das vermeintlich Altbekannte neben das vermeintlich Neue und entwickelt eigene Dramaturgien. „Ich glaube, dass man Musik ganz unterschiedlich wahrnimmt, je nachdem, wie das Licht ausschaut oder wie die Anordnung der Musiker auf der Bühne ist,“ sagt Toni Ming Geiger.

Er möchte, dass der Raum sich öffnet und das Publikum Teil eines ständigen Austauschs wird. Indem er die traditionellen Beziehungen von Kunst und Medium, Zuschauer und Bühne, Werk und Interpretation hinterfragt, soll die Vieldeutigkeit eines Werks aufscheinen, all die Schichten und Geschichten unter der Oberfläche.

Toni Ming Geiger nennt auch persönliche Beweggründe für seine Arbeit. Als Sohn einer chinesischen Mutter und eines deutschen Vaters wuchs er in Bonn auf und wird gleichwohl oft mit der Nachfrage konfrontiert: „Und wo kommst du wirklich her?“ Die Auseinandersetzung mit der Herkunft schlägt sich bei Toni Ming Geiger in Projekten nieder, in denen er die Wechselwirkung von fernöstlicher und westlicher Kultur in den Fokus rückt, etwa in seinem multimedialen Programm „Hybriden“ von  2015 oder in einem Workshop zum Thema „Heimat“ (2017). „Musik hilft mir, diese Frage der Prägung zu teilen, mitzuteilen. Andere würden vielleicht schreiben oder eine Choreographie erstellen, ich mache eben Musik“, erklärt er. „Es ist mein Medium, mit dem ich kommuniziere.“

Der Einsatz von Tanz und Videokunst beim Rückgriff auf den Liedkanon fächert das Private auf: Musik, das ist für Toni Ming Geiger auch eine soziale Angelegenheit. Die Interaktion ist ihm mittlerweile so wichtig geworden, dass er sich seit dem Bachelorabschluss in Köln den Schwerpunkten Lied und Multimedia widmet, statt weiter an seiner Solistenkarriere zu feilen. Ein leidenschaftlicher Kammermusiker ist er ohnehin, vom Duo bis zum Quintett tritt er in den unterschiedlichsten Konstellationen auf.

Die Routine und der Perfektionismus einer Interpretationskultur, die sich an Studioaufnahmen und Hochglanzprospekten ausrichtet, interessieren ihn weniger als die Wandelbarkeit der Werke selbst. Geiger möchte sich Offenheit und Frische bewahren. „Ich bereite Stücke so vor, dass ich sie gut spielen kann. Wenn ich den Punkt erreicht habe, an dem ich sie technisch beherrsche, höre ich schnell auf zu üben, um spontan reagieren zu können.“ Idealerweise wird Interpretation dann zur Improvisation.

Eine Grenze, die Toni Ming Geiger in seinem jüngsten Projekt tatsächlich überschreitet. In Zusammenarbeit mit der Regisseurin und Puppenspielerin Kai Anne Schumacher und dem Bariton Fabio Lesuisse wird Robert Schumanns Zyklus „Dichterliebe“ mit Liedern von Vaughan Williams und verbindenden Improvisationen neu zusammengesetzt. Es entsteht eine Geschichte, die den Akzent nicht auf das dunkelblaue Liebesleid der Romantik setzt, sondern auf den Wahnsinn fehlgeleiteter Projektionen. Dieser wird mit lebensgroßen Puppen in Szene gesetzt. Premiere ist am 10. Juni beim Bonner Schumannfest, danach folgen Aufführungen im Kölner Club „Blue Shell“. Der Versuch, das Lied in seine soziale Umgebung zu versetzen, wird übrigens auch hier beim Heidelberger Frühling unternommen, bei „dichter_lieben“, einer literarisch-musikalischen Aufführung von Robert Schumann am 13. April in der HebelHalle.

Mit der Gegenüberstellung von Klassikern der Liedliteratur und zeitgenössischen Werken möchte Geiger den universellen Impuls des Kunstlieds lebendig halten. Ein Abenteuer, zu dem er auch als Liedbegleiter gern aufbricht und weshalb er sich bei der Akademie in Heidelberg von Mentoren wie Thomas Hampson und Graham Johnson coachen lässt. „Da macht jemand wunderbare Dinge mit dem Text und seiner Stimme, und ich kann mitgehen auf dem Klavier oder einen Gegenpol setzen. Es ist ein Dialog, der mich sehr inspiriert.“ Und das Publikum hoffentlich auch: Bei Toni
Ming Geigers Konzerten ist mit unvorhergesehenen Wechselwirkungen zu rechnen. Der ein oder andere Thron wird wohl auch noch wackeln.

Toni Ming Geiger auf der CD „Noch:Schon“, bei der er außerdem als Produzent mitwirkte.

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