Von Simeon Holub
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Es ist vorbei. „Wissen Sie, wie ich das nenne? Triumphgemüse!“ Bariton Thomas Hampson, Leiter der Lied-Akademie beim Heidelberger Frühling erntet damit beim Publikum schallendes Gelächter. Gemeint sind die Blumensträuße in den Händen der fünfzehn jungen Sänger und Pianisten, die sich nach Tagen voller Proben und Diskussionen, Mittagsrecitals und Open Classes sichtlich erleichtert zum letzten Mal auf der Bühne der Stadthalle versammelt haben. 
Das Programm des Abschlusskonzerts hatte die ganze Bandbreite der Gattung Lied präsentiert, von Franz Schubert bis Francis Poulenc. Mit „Im Frühling“ D.882 ging es los. Seufzend beklagte Theresa Pilsl „die Lieb’ und ach, das Leid“, Daniel Gerzenbergs feinsinnig ausgestaltetes Klavierspiel sorgte für dramatische Spannung zwischen „Will’ und Wahn“. Der jüngste Stipendiat der Akademie, Johannes Leander Maas, übernahm dann in der Ballade vom „Erlkönig“ gleich drei Rollen: Vater, Sohn und unheiliger Geist. Dieser baritonal gefärbte Tenor versteht es so sprechend, aber doch sanglich fließend sein Timbre zu variieren, dass man, schließt man die Augen, fast drei verschiedene Sänger vor sich sieht. Mezzosopranistin Ema Nikolovska singt mit klarer, gut geführter Stimme Schumanns „Röselein“, sie trägt sicher nicht zufällig ein rosenverziertes Kleid.
Die charmanten roten Socken des Liedbegleiters Toni Ming Geiger leuchten mit Erich Wolfgang Korngolds gewagten Akkordrückungen um die Wette. Korngolds Shakespeare-Vertonung „Come Away“ wird von German E. Alcántara fast schon opernartig umgesetzt, seine voluminöse Stimme wäre bei Don Giovanni sicher nicht fehl am Platz. Dann wird es, nach der spanischen „Romanza de la Luna, Luna“ von Miguel Ortega, französisch, mit einem marschartigen „Adieux de l’hôtesse arabe“ von Georges Bizet, und in Reynaldo Hahns „À Chloris“ sind die Anklänge an Bachs Air unüberhörbar, Adèle Charvet und ihr Pianist Ammiel Bushakevitz performen perfekt zusammen, musikalisch, optisch, lockentechnisch. Schließlich wandelt sich die weite Stadthalle zum intimen Kämmerchen. Wir kommen der Welt abhanden. 
Contra-Altistin Jessica Dandy schweift in Gustav Mahlers Rückertvertonung aus warmer Tiefe in zarte Höhe und mischt Kopf- und Brustregister, als sei dies das Natürlichste von der Welt, und mit seinem sensiblen Spiel öffnet ihr Klavierpartner Harry Rylance einen Klangweltraum, in der sich diese faszinierende Stimme schier körperlos entfalten kann: „Ich leb’ allein in meinem Himmel, in meinem Lieben, in meinem Lied.“  Wohl niemand im nicht ganz voll besetzten Saal, der davon nicht berührt wird. Man könnte die berühmte Stecknadel fallen hören. Ginge es mit rechten Dingen zu, sagt Hampson in seiner Dankesrede, dann müssten Konzerte wie dieses als erste ausverkauft sein.
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