Von Sophie Emilie Beha
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Irgendwer fehlt. Unter Applaus kommt Michael Gees den langen Gang in der Alten Aula der Heidelberger Universität entlang und setzt sich ans Klavier. Wo ist die Sängerin Anna Lucia Richter? Die Verwirrung wächst, dann erklingt ein Ton, wie aus dem Nichts. Jetzt nähert sich auch die Sopranistin der Bühne, während ihre Stimme mühelos in jede Ecke des Saals vordringt. Bei der zweiten Strophe von Benjamin Brittens „The trees they grow so high“ setzt das Klavier ein und tupft Klangfarben unter die schlichte Melodie.

Neben arrangierten Folks Songs von Benjamin Britten aus dessen Sammlung „British Islands“ sowie einigen Deutschen Volksliedern von Johannes Brahms erklingen Vertonungen von Joseph von Eichendorffs Gedichten. An fast jedes Stück aus Schumanns „Liederkreis“ schließt sich attacca eine freie Improvisation an, dazwischen sind jeweils Werke von Britten und Brahms eingefügt. „Extempore“ – etwa: Aus der Zeit heraus – heißt das Programm im Rahmen der Festivalreihe „Neuland.Lied“. Richter und Gees haben es 2014 bereits auf CD eingespielt.

In diesem etwas anderen Liederkreis, der den Rahmen von Schumanns op. 39 mit Bedacht sprengt, sind die Werke assoziativ aneinander gereiht. Sehr subjektiv, sehr sehnsüchtig, oft doppelsinnig. So handelt „Die Stille“ nicht nur von einer stillen Person, sondern auch von der Stille in der Musik. Die Schumann’sche „Wehmut“ korrespondiert mit Brahms’ „Mut zum Weh“, wie Richter es nennt. Jeder Ton wird einzeln erkämpft, es erfordert ja auch Courage, den eigenen Weltschmerz zu offenbaren. Ganz anders die „Mondnacht“, großzügig malt das Klavier den Zauber der Nacht aus, während der Himmel die Erde küsst, eine Symbiose. Hoch oben schwebt die Sopranstimme, Inbegriff der Introversion. Nicht zu Unrecht hat Thomas Mann das Lied als „Perle aller Perlen“ bezeichnet.

In der sich nahtlos anschließenden Improvisation spannt Anna Lucia Richter Lamento-artige Linien über die von Michael Gees ausgelegten Klangflächen und Akkorde mit Sekundreibungen. Sieben Mal extemporieren die beiden, wobei sich die Improvisationen in ihrer harmonischen Verschwommenheit alle sehr ähneln. Anders als im Jazz gibt es hier kein Gerüst, keine vorgegebene Struktur. Die Freiheit hat zur Folge, dass sich jede musikalische Gestalt im Klangnebel verliert und der Welt abhanden kommt. Gleichzeitig leben die Extempores von Ironie und Doppelbödigkeit.

Die „Wünschelrute“ wird gleichsam zum Motto: „Schläft ein Lied in allen Dingen“, Eichendorffs berühmte Verszeile, ist nicht zuletzt die Grundannahme jeder Improvisation. Weil Richter und Gees im adhoc-Stil musizieren, wirken die Freiheiten der Improvisation auch in den Liederzyklus selbst hinein. Mitunter etwas zu ausgeprägt, wenn etwa das Ende von „Frühlingsnacht“ mit viel Groove und Jazzattitüde in die Tiefe rauscht. Aber die Klassikwelt kennt genügend Perfektionismus, ein bisschen Risiko und Wagemut schaden da nicht.

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