Von Sophie Emilie Beha
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Einer für alle, alle für einen! Dieser Schlachtruf gilt irrtümlich für Dreierkonstellationen, jedenfalls seit Alexandre Dumas. Aber eigentlich war Held d’Artagnan mit seinen drei Musketierfreunden am Ende doch zu viert, und das gilt auch für den Tenor Mark Padmore, als er mit dem Wiener Klaviertrio auftritt beim Heidelberger Frühling.

An diesem Abend in der Alten Aula wird nicht gezimpert. Mit Wucht und im Fortissimo beginnt das Konzert. Padmore trägt, gemeinsam mit dem Cellisten Matthias Gredler, die Geschichte vom armen Tom O’Bedlam vor, in einer Komposition von Sir Richard Rodney Bennett. Das Lied, entstanden 1961 und Peter Pears gewidmet, trägt noch hörbar Spuren des Unterrichts, den der junge Bennett in Paris bei Pierre Boulez genommen hatte. Es erinnert an die weltweit erste psychiatrische Anstalt, das Bethlem Royal Hospital in London, gegründet im dreizehnten Jahrhundert, kurz „Bedlam“ genannt. Der Text aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert springt zwischen einer auktorialen Perspektive und der Sichtweise des Kranken hin und her. In der ersten Strophe wird Tom von Hexen und bösen Geistern verflucht. Er verarmt, er wird verrückt, er beschwört die schützende Wirkung von Astrologie-Büchern herauf. Mark Padmore gestaltet seinen Part, je nachdem, welchen Standpunkt das lyrische Ich einnimmt, mal lieblich und weich, mal expressiv und martialisch, und Gredler begleitet mit vibrierenden Dissonanzen.

Mark Padmore Foto: Marco Borggreve

Die Wandelbarkeit dieses Sängers, seine bis ins kleinste Detail gut geführte Stimme und klar fokussierte Aussprache kommt erst recht in Thomas Larchers „A Padmore Cycle“ nach Texten von Hans Aschenwald zur Geltung, diese Lieder wurden ihm schließlich direkt auf den Leib komponiert. Padmore flüstert, er schreit, manchmal wird die Melodielinie so dünn, als ob die Luft durch einen Strohhalm hindurchpassen müsste. Das geht hörbar bis an die Grenzen der stimmlichen Möglichkeiten, und es erfordert viel Mut von dem Sänger, der damit auch seine Mitspieler ansteckt. Phantastisch abwechslungsreich und lautmalerisch ist die Musik, die das Wiener Klaviertrio beisteuert, ihr wird viel Raum und Zeit eingeräumt neben den blitzkurzen Gedichten. Akkorde winden sich um die von Padmore ausgehaltenen Liegetöne. Bögen knarzen, Schraubenziehergriffe streichen über die Saiten des Flügels, Glissandi kreischen. Und es erklingen gebrochene C-Dur-Dreiklänge, die sofort an Naturtöne erinnern. So wächst der Klang und entfaltet Blatt für Blatt, mit jeder harmonischen Wendung, eine Blüte: wunderbar. 

Foto: 2012 Wiener Klaviertrio

Franz Schuberts spätes Es-Dur-Trio D 929, nach der Pause, hat nicht so viel Glück bei den Interpreten. Als „handelnd, männlich, dramatisch“ hatte Robert Schumann dieses Werk einst beschrieben. Wiener Klaviertrio spart sich die Dramatik, trotz stark ausgespielter Kontraste agiert es eher routiniert. Stefan Mendl am Klavier lässt die chromatischen Läufe nüchtern auf und ab perlen, auch bei zunehmend düsterer Atmosphäre. Der Geiger David McCaroll vibriert steil und eng, der Cellist Gredler spannt allzu sanfte Bögen aus, oft verlieren die Phrasen an Spannung. Und wenn es plötzlich laut wird, verleiht das den Akkorden einen abschließenden Charakter, obwohl die Musik doch eigentlich weitergehen will.

Padmore, seinerseits, hat ebenfalls etwas von Schubert mitgebracht, zwischen Bennett und Larcher singt er fünf von dessen Liedern – aber auch er hat seine helle Tongebung diesmal nicht ganz unter Kontrolle, besonders schade ist es um die letzte Zeile von „Auf dem Strom“. So kommt also die neue Musik an diesem Abend ganz besonders gut weg. Höhen und Tiefen hat dieses Live-Konzert mit tollen Kompositionen und polarisierenden Interpretationen, Lärm und Lyrik. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Hier gibt es eine Werkbetrachtung von Thomas Larchers „A Padmore Cycle“.

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