Von Karl Ludwig
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Ein Ton fällt in die wartende Stille, als Jan Philip Schulze auf der Klaviatur seine Notenmappe öffnet. Es ist dies der erste einer Reihe wunderbarer Einfälle und zauberhafter Bruchstellen an diesem späten Liederabend in der Heidelberger HebelHalle. Das hervorragend zusammengestellte Konzertprogramm von Werken der neuesten Liedkunst wird von der Sopranistin Sarah Maria Sun oder dem Komponisten Thierry Tidrow durch überleitende, im besten Sinne leitende Worte ergänzt. So eröffnet sich eine umfassende Darbietung der Möglichkeiten des Liedes heute.

Zu Beginn holen vier „Lieder nach Gedichten von Christian Morgenstern“ die Zuhörer ab, mit einem muskalischen Vokabular der klassischen Moderne. Es handelt sich um ein Frühwerk des Komponisten und Oboisten Heinz Holliger, das in der tiefgründigen Textwahl, aber auch in seiner Jugendlichkeit ein Ringen um Distanz zu diesen Einflüssen offenbart, was auch im Werk direkt zwischen den beiden Stimmen ausgehandelt wird.
Die Brüchigkeit dieses Vokabulars wird in Wolfgang Rihms 2012 uraufgeführter Vertonung von Passagen der Ophelia aus Shakespeares „Hamlet“ thematisch. Die titelgebende Regieanweisung „Ophelia sings“ bezeichnet als Tabubruch am Hofe den Wahnsinn dieser Figur, der kompositorisch durch eine äußerst sprunghafte Vielfalt musikalischer Charaktere umgesetzt wird. Mal einfältig volksliedhaft, dann wieder aufbrausend expressiv; mal aneinander vorbei, mal in unheimlich realem Zwiegespräch wird Ophelia von den beiden Musikern in einer Weise dargestellt, die spätestens jetzt jede Frage nach technischer Meisterschaft vergessen lässt.

Zusammen mit einer Komposition von Salvatore Sciarrino, der aus dem Unterschied eines einzigen Buchstabens zwei Vertonungen eines Gedichtes entwickelt („Due Melodie“, 1978) bilden diese Stücke den ersten Teil des Abends. „Das waren die Klassiker“, sagt Schulze trocken, und zeigt damit, was es bedeuten könnte, als „Neuland.Lied“ auf der Höhe der Zeit zu sein.

Thierry Tidrow hat schon früher für Sun komponiert. Diesmal geht es, als Uraufführung, um die Vertonung eines Gedichtes von Morgenstern. Das Stück gräbt sich „tausend Klafter“ in die tiefen Register des Klaviers zum Namensgeber des Werkes, dem „Erdriesen“, vor. „Hörst du ihn bei seinem Werk?“ heißt es dort – und ja, man hört ihn. In mehr choreographischer denn kompositorischer Weise „stampft und stößt er“, singen „Feuerhexen mit sprühendem Brandhaar“ und „Städte und Länder versinken“ in erdbebengleichen Schlägen auf das Klavier. Das macht Spaß, und es ist klanglich einfallsreich in Szene gesetzt, überspringt aber den Bruch von Wort zum Ton allzu leichtfertig.

Zum eindeutigen Höhepunkt des Konzerts kommt es nicht ohne weiteren Bruch – einem veritablen Abbruch, als das Licht im Saal zu sehr gedimmt wird, um die Partitur von Helmut Lachenmanns „Got Lost“ von 2008 entziffern zu können. Was dann passiert, bringt den Autor an den Rand des Abgrunds. Mit unglaublicher Kunstfertigkeit verwirklichen Sun und Schulz einen solchen Reichtum klanglicher Ausdrucksmöglichkeiten, dass es einem die Sprache verschlägt. Es wird gepustet, geschnalzt, geklopft und gerollt – auch vom Pianisten. Die Wange wird zur Mundtrommel, die Klaviatur zum Xylophon, die Pedale werden zu Pauken. Dazu melodische Kleinode, tänzelnde Tonrepetitionen und fremdartige Klänge allerorten. Diese Vielfalt aber ist eingebettet in ein Beziehungsgeflecht, das jeden Anflug von Beliebigkeit ausschließt. Drei Texte – von Nietzsche auf der einen und von Pessoa und einem anonymen Alltags-Autor auf der anderen Seite – schieben sich in der Singstimme ineinander. Und die sich stets zu belebten Gesten vereinenden Elemente des Klavierparts stehen darüber hinaus in steter Verbindung zum Gesang.

Die Töne, die Frau Sun in den Bauch des Klaviers singt, können von Herrn Schulze mit einem Nachhall versehen werden – oder nicht. Seine Schleife entspringt aus ihrem Zisch-Impuls – das Werk erschließt sich als ein Netz von Interaktionen. Aus dieser Verschmelzung heraus wird auch noch die letzte Barriere durchbrochen, als aus dem Publikum der Wunsch ertönt, man möge doch das Stück noch einmal spielen.

Stattdessen wird zum Abschluss mit Georges Aperghis noch gelacht. An dieser Stelle muss sich der Autor eingestehen, dass angesichts eines solchen Konzertes jede Musikkritik versagt. Die anstandslose Aufführung von Werken, die tiefe Einsichten und immense Freude an der Musik schenken, ist sprachlich nicht nachzuvollziehen. Es kann nur herzlich dafür plädiert und geworben werden: Setzen Sie sich den Ecken und Kanten und Brüchen solcher Festabende aus! In ihnen leuchten prall gefüllt die Schatzkammern der Gegenwartsmusik. Wie das japanische Kintsugi, das die Stücke zerbrochener Keramik wieder zu einem Ganzen fügt – mit Goldrand.

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