Ohne Visitenkarte!

Von Zuspitzungen und homöopathischen Dosen: Ein Besuch bei der Liedakademie mit Graham Johnson
14. April 2018
Von Werner Kopfmüller
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Der Ballsaal der Heidelberger Stadthalle ist bereits am Vormittag gut gefüllt. Nicht weil es ein Konzert zu hören gäbe, vielmehr will das Publikum den jungen Stipendiatinnen und Stipendiaten der Liedakademie bei der Arbeit mit ihrem Mentor zuhören. An diesem Dienstag ist es der britische Liedbegleiter Graham Johnson, der den Sängern und Pianisten zur Seite steht.

Mitgebracht haben sie Lieder von Franz Schubert und Hugo Wolf, auf Vorschlag von Johnson – an den Tagen zuvor hatte noch das französische Repertoire im Mittelpunkt gestanden. Wobei sich Graham Johnson überall heimisch fühlt, ob im französischen, deutschen oder englischen Kunstlied. Der 67-jährige Liedpianist, eine Legende seines Fachs, hat sein Wissen in zahlreichen Büchern dargelegt; nun profitieren die Studenten von der direkten Zusammenarbeit. Für jedes Duo nimmt er sich etwa eine halbe Stunde Zeit. Elegant zwischen Englisch und akzentfreiem Deutsch wechselnd, weiß Johnson dabei immer wieder Verblüffendes aus seinem enormen Fundus anzubringen. Bei Schuberts „Gretchen am Spinnrade“ weist er Einflüsse von Gluck und Scarlatti nach, ein anderes Mal nimmt er  am Flügel Platz und bringt zum Klingen, was er eben noch mit Worten zu vermitteln versuchte.

Als es um den Liederzyklus „Les nuits d’été“ von Hector Berlioz geht, um laue Sommernächte auf stiller See, spricht er eine grundsätzliche Unterscheidung an. Die französische Romance besitze diese Mühelosigkeit, den Charme des Flüchtigen, die Leichtigkeit des Seins, das deutsche Lied eher nicht. Die emotionale Haltung ist eine andere, alles, jedes Wort, jeder Ton will bedeutungsvoll sein. Natürlich ist das zugespitzt formuliert. Aber Zuspitzungen, das weiß Johnson, helfen dabei, einer Interpretation das Ungefähre auszutreiben.

Gern spricht Graham Johnson von homöopathischen Dosen, mit denen Rubato, Dynamik und Klangfarbe einzusetzen seien. Schon Kleinigkeiten können große Unterschiede bewirken. Wie in Wolfs zweitem Mignon-Lied „Nur wer die Sehnsucht kennt“, in dem ein leicht erhöhtes Grundtempo die innige Klage zum inbrünstigen Drängen steigert. Überhaupt geht es darum, das richtige Tempo zu finden. Oft findet sich die dafür entscheidende Stelle in der Mitte des Stücks, wie bei einem guten Braten. Man sticht in die Mitte, um zu sehen, ob er gar ist.

Einem jungen Tenor, der den „Neugierigen“ aus der „Schönen Müllerin“ zu laut angeht, sagt Johnson: „Sie müssen dem Publikum nicht jedes Mal Ihre Visitenkarte zeigen“ und kommt auf die Bedeutung des Liedbegleiters zu sprechen. Schon über die Klanggebung kann er den Sänger dazu anhalten, seine Stimmfarbe zu ändern. Der Begleiter wird zum Gestalter des Geschehens, wenn nicht sogar dessen Manipulator.

Die Gattung Lied steht vor dem Aussterben, heißt es oft. Wäre die Heidelberger Akademie der Gradmesser für die Wertschätzung, den das Lied bei Konzertveranstaltern und dem Publikum im deutschsprachigen Raum genießt, bestünde kein Grund zur Besorgnis. Die Realität sieht leider anders aus. Das Festival setzt dagegen ein deutliches Zeichen und stößt auf rege Publikumsresonanz. Die Lust auf das Lied ist ungebrochen.

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