Von Simeon Holub
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Der Schlussakkord der „Marienvesper“ ist erklungen, doch der Applaus lässt auf sich warten. Alle warten andächtig darauf, bis der Dirigent seinen Arm vollständig sinken lässt. Dann jedoch: stehende Ovationen in der ausverkauften Jesuitenkirche in Heidelberg.

Alles braucht seine Zeit in diesem Konzert des Heidelberger Frühling. Das gilt vor allem für den enormen Nachhall, der sich nicht so recht mit der Musik von Claudio Monteverdi verträgt. Zu schade, denn Bezirkskantor Markus Uhl hat mit dem Barockorchester L’arpa festante und acht Vokalsolisten eine eigenwillige, spannende Interpretation der Marienvesper entworfen.

Der historischen Aufführungspraxis verpflichtet, kommen Instrumente wie Zink, Laute und Violone zum Einsatz, auf eine große Besetzung mit Orchester und Chören wird verzichtet. Glücklicherweise bewahrt die rein solistische Vortragsweise das Publikum vor einer akustischen Havarie, selbst das vollbesetzte „Nisi dominus  bleibt halbwegs durchhörbar. Auch weiß Uhl mit dem Kirchenhall umzugehen, indem er präzise dirigiert und ungewöhnlich langsame Tempi wählt. Darunter leidet zwar der Drive der Alten Musik, doch dafür tritt eine weniger bekannte meditative Seite der Marienvesper zum Vorschein.

Schon die feierlichen Fanfaren zu Beginn erhalten derart einen verlangsamt kontemplativen, ja demütigen Charakter. Eine Stimmung, die sich auf das Publikum im vollbesetzten Kirchenschiff überträgt, auch zwischen den Sätzen herrscht absolute Stille. Es herrscht eine geradezu intime Atmosphäre, besonders in monodischen Stücken wie dem „Nigra Sum“, wenn sich Markus Uhl sensibel zurücknimmt und die Musiker eigenständig konzertieren lässt.

In der solistischen Besetzung erklingen die Verzierungen und Koloraturen mit ungewöhnlicher Differenziertheit, etwa die des Quintus Henning Jensen im „Laudate pueri“. Neben der von Johannes Vogt gespielten Laute, die vor allem in den kleiner besetzten Concerti zwischen den Psalmen hervortritt, hält der Abend viele klangliche Überraschungen bereit. Dazu gehören die Blockflöten in den letzten beiden Stücken, aber auch der Echoeffekt im „Audi coelum“, für den sich Henning Jensen eigens mit dem Rücken zum Publikum platziert. Im Wechselspiel mit dem Tenor Daniel Schreiber wetteifern die beiden Sänger, ein Prinzip des Frühbarock. Immerhin versteht man bei solchen imitatorischen Passagen den Text etwas besser, der in den umfänglicher instrumentierten Teilen oft vom Nachhall verschluckt wird. Ebenso verständlich und ausdrucksstark die „Sonata sopra Sancta Maria“, bei der Hanna Zumsande und Regina Kabis die Heilige Maria fast mantraartig besingen.

Im abschließenden „Magnificat“ wird es dann doch noch pompös. Ein breit angelegtes Crescendo trägt die große Doxologie bis zum Amen. Erst innehalten, dann wird applaudiert.

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