Von Jim Igor Kallenberg
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Die Suiten für Violoncello von Johann Sebastian Bach sind ein Universum. Anne Teresa De Keersmaekers Tanzsprache ist ein Universum. Es ist nicht größenwahnsinnig, zu erwarten, dass eine Änderung von unvorhersehbarem Ausmaß eintritt, wenn diese Universen aufeinandertreffen.

De Keersmaeker tritt auf die Bühne in der HebelHalle in Heidelberg und eröffnet die Szene mit unmissverständlicher Geste, die wirkt wie der Doppelpunkt nach „Und Gott sprach“. Es wird aber nicht Licht und schon gar keine Welt, sondern die Eingrenzung des choreographischen Universums auf Vorgartengröße läßt das Leuchten in den Augen schnell verblassen: Die Tanzschritte bleiben an das Metrum der Musik gekettet, die Performer sind bemüht, den Mittelweg zwischen sentimentalem Ausdruck und abstrakter ‚Contemporaryness‘ zu finden. Ja nicht zu viel!

In den beschwingten Sätzen scheint tänzerisch ernsthaft etwas wie ‚Ausdruck von Freude‘ gesucht worden zu sein, in den langsamen legen sich die Performer meist einfach auf den Boden und stehen nicht mehr auf. Klar, ist ja logisch, Musik langsam, Mensch erschöpft – Musik schnell, Mensch ganz hibbelig. Manchmal lehnt sich ein Performer ganz verzweifelt an die Wand, einmal schaut einer direkt ins Publikum, wie so ein Schauspieler. Die Zusammenarbeit der Tänzerin Anna Teresa De Keersmaeker mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras war nach der Uraufführung letztes Jahr bei der Ruhrtriennale bereits bei diversen Koproduktionspartnern in Brüssel, Paris, London, Luxemburg, Montpellier und Hamburg zu erleben. Und jetzt: als Gastspiel beim Heidelberger Frühling. De Keersmaeker ging mit dieser Aufgabe eher halbherzig und lässig um. Statt Dämme aufzureißen in ein sprudelndes Meer, legte sie einen kleinen Teich.

In diesem Teich muss aber neben ihr auch noch der Bach irgendwie einen Platz finden und dafür sorgt Queyras anstandslos. Er spielt die Cellosuiten glatt, ohne Ecken und Kanten, und innerhalb weniger Minuten ist aus einer Musik, die normalerweise von sich aus abhebt und selbst tanzt, Untermalung geworden. Nicht nur folgt die Choreographie schnurgerade der Musik, sondern bald auch die Musik der Choreographie. Das Spiel von Queyras geht auf die Ausdrucksmuster der Tänzer ein, wahlweise ‚fragend‘ oder ‚zögernd‘. Oder so.

Immer neue Körper mühen sich ab. Mit Marie Goudots repetitiven und klaren Figuren kippt die Szene zum ersten Mal und mit Michaёl Pomeros wilder Verausgabung erneut, die Begegnungen von Musik und Tanz beginnen, nicht mehr nur egal zu sein. Wie aus einer anderen Welt durchherrscht De Keersmaeker den Raum, schaut ernst in das Publikum, ihre Bewegungen sind von einer gedämpften Kraft. Sie geht weder auf Introspektion noch auf Ausdruck, sondern auf eine figürliche Oberfläche, auf der Bewegung als Bewegung ernst genommen ist. Sie tanzt nicht als expressives Individuum, das von inneren Befindlichkeiten hin- und hergeworfen wird, sondern als Instanz. Diese Loslösung von sentimentalen Verpflichtungen setzt auch die Musik frei und am Ende transzendieren Musik und Tanz das enge Setting, das sie sich selbst gesetzt haben. De Keersmaeker, Queyras und Bach sind eben doch zu groß für den kleinen Teich.

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