Von Sophie Emilie Beha
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Noch bevor Mirga Gražinytė-Tyla den Taktstock hat sinken lassen, bricht frenetischer Applaus mitten hinein in den verhallenden Schlussakkord von Beethovens Fünfter. Die Dirigentin verbeugt sich, einige Juchzer sind zu hören. Der Beifall verdichtet sich zum stampfenden Unisono-Rhythmus, gewinnt an Fahrt, beginnt zu galoppieren, wird immer schneller, verfranst sich zum polyphonen Prasseln. Und wieder Unisono, und wieder Galopp, so geht das noch einige Male. Ist das Publikum an diesem zweiten April in der Franz-Liszt-Akademie in Budapest völlig aus dem Häuschen, nur, weil eine Frau am Pult steht? Gražinytė-Tyla hat das City of Birmingham Symphony Orchestra vor zwei Jahren von Andris Nelsons übernommen, mit erst neunundzwanzig Jahren. Sie hat soeben in Budapest ein fantastisches Konzert dirigiert, als Teil einer kleinen Europatournee, die sie von Wien über Cardiff nach Heidelberg führt, mit wechselnden Programmen, um überall ihre Visitenkarte abzugeben. Wollen die ungarischen Hörer durch die seltsame Art, zu applaudieren, vielleicht auch der besonderen Begeisterung Ausdruck geben, dass sie dabei sind, quasi als Teil Europas?

Nein! Hier wird Applausroutine praktiziert. Hierzulande klatscht man nun mal so. „Vastaps“ – ausgesprochen: „woschtopsch“, übersetzt „eisernes Klatschen“ oder auch „Metallklatschen“ – ist ein feststehender Begriff, eine alte Tradition. Nach jedem klassischen Konzert bricht das ungarische Publikum in hemmungslose Begeisterung aus. Es wird metallgeklatscht, wenn die Künstler sich verbeugen, wenn die Blumensträuße überreicht werden, noch nach der Zugabe, ja, sogar, wenn man, was auch mal vorkommt, nicht unbedingt zufrieden war mit dem Konzert. Maßlose Begeisterung ist in Ungarn eine Frage von Temperament und Höflichkeit. Anderswo applaudiert man anders.

Das russische Publikum, zum Beispiel, trampelt gerne mit den Füssen. Die Italiener jubeln. Die New Yorker springen sofort auf zu standing ovations, sie haben es eilig und gehen schnell, um die nächste Metro zu erwischen. Noch herzlicher, aber auch noch kürzer applaudieren nur die Amsterdamer. In Bayreuth dagegen nimmt man sich Zeit zum Ausfechten des Streits zwischen Bravo- und Buhrufern, da musste schon manch ein Besucher persönlich vom Saalordner hinauskomplimentiert werden.

Und in Heidelberg, beim Frühling? Auch hier war, als Mirga Gražinytė-Tyla mit ihrem City of Birmingham Symphony Orchestra am letzten Wochenende ihre Visitenkarte abgab, mit gleich zwei Konzerten, mit Mozart und Beethoven, das Glück allgemein und der Applaus speziell, ehrlich und anhaltend, nach Heidelberger Art.

Sophie Beha studiert zur Zeit für ein Auslandssemester an der ELTE-Universität in Budapest.

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