Von Sebastian Herold
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Wenig hat er geschrieben, aber ausnahmslos Herausragendes. So urteilte Olivier Messiaen über seinen acht Jahre jüngeren Komponistenkollegen Henri Dutilleux. Dessen langes Leben begann zur Zeit des Ersten Weltkriegs und endete im Social-Media-Zeitalter: geboren 1916, gestorben 2013. Fast zwanzig Jahre lang leitete er die Abteilung Musikproduktion des französischen Rundfunks ORTF, er lehrte Komposition an der École Normale de Musique in Paris und kurzzeitig auch am dortigen Conservatoire. Aufträge kamen oft aus den Vereinigten Staaten, wo unter anderem seine Symphonie Nr. 2 und die Métaboles uraufgeführt wurden. Er schrieb hauptsächlich Instrumentalmusik, häufig für großes Orchester.

Natürlich kannte Dutilleux die Kompositionsströmungen seiner Zeit. Doch trotz unterschiedlicher Einflüsse hegte er stets eine kritische Distanz – sowohl gegenüber den neoklassizistischen Tendenzen der „Groupe des Six“ um Darius Milhaud, Francis Poulenc und Georges Auric, mit denen er freundschaftlich verbunden war, als auch gegenüber den Serialisten um Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen, deren strikte Maximen er einmal überspitzt mit „ästhetischem Terrorismus“ verglich.

Sein Frühwerk vor 1945 verwarf Dutilleux, zu sehr sei es von Maurice Ravel beeinflusst gewesen, zu wenig eine individuelle Handschrift erkennbar. Die entwickelte sich erst im Laufe der Jahre. Sie zeichnet sich aus durch den flexiblen Umgang mit verschiedenen Kompositionstechniken, wobei auch immer wieder tonale Anklänge aufschimmern, und durch die stets lustvoll zelebrierten klanglichen Möglichkeiten des großen Orchesters. Mit wiederkehrenden Motiven, Melodien, Akkorden oder Farben, die er einmal mit „Bodenlichtern auf einem Flughafen“ verglich, hilft er dem Publikum, sich in seinen ebenso farbigen wie rätselhaften Traumwelten zurechtzufinden.

© Charlotte Oswald

Auch der lange Schaffensprozess und die geistige Anstrengung beim Komponieren, das er einmal als Zeremonie beschrieb, sind bezeichnend für Dutilleux. An dem Kompositionsauftrag des Cellisten Mstislav Rostropovich arbeitete er über drei Jahre, uraufgeführt wurde Tout un monde lointain … für Violoncello und Orchester schließlich 1970 beim Festival d’Aix-en-Provence.

Maßgebliche Inspiration für dieses fünfsätzige Konzert (das Dutilleux jedoch nicht als solches bezeichnete) war die Lyrik des symbolistischen Dichters Charles Baudelaire. Aus dessen Gedicht „La Chevelure“ (Das Haar) stammt auch die titelgebende Zeile, sie lautet vollständig „Tout un monde lointain, absent, presque défunt“ (übersetzt: eine ganz ferne Welt, verschwunden, fast versunken). Dutilleux stellte jedem der fünf Sätze weitere kurze Auszüge aus Gedichten des Baudelaire-Bandes Les Fleurs du mal von 1857 voran, jedoch nicht im Sinne eines Mottos, das von der Musik illustriert und eingelöst wird, eher umgekehrt: Er suchte diese Verse nachträglich aus, assoziativ zur Musik.


Im ersten Satz, „Énigme“ (Rätsel), stößt ein leises Rascheln der kleinen Trommeln und des Beckens das Tor zum Konzert auf. Eine wellenförmige Melodie im Violoncello arbeitet sich mehrfach aus der Tiefe empor und kehrt rasch wieder dorthin zurück.  Dazu kommt das Orchester, erst mit sphärischen Streicherklängen, dann schneidend repetitiven Holzbläserfiguren und zuschnappenden Beckenschlägen. Im Unisono spielen die Streicher eine markante Tritonusfigur, und mit dem Einsatz der Blechbläser ist das volle Klangspektrum erschlossen.

Dutilleux denkt in einer übergeordneten Einsätzigkeit, mit fließenden Übergängen zwischen den Sätzen, die durch unterschiedliche Stimmungen, aber auch verbindende, Orientierung stiftende Elemente gekennzeichnet sind. Eines dieser „Bodenlichter“ ist das Tritonus-Intervall, das Dutilleux an verschiedenen Stellen prominent platziert: Erstmals, wie erwähnt, in den Streichern, im langsam sich aufbauenden ersten Satz. Danach erscheint der Tritonus jeweils kurz am Ende des zweiten („Regard“ = Blick) und des vierten Satzes („Miroirs“ = Spiegel), wenn die geballte Orchesterwucht sich entlädt mit dem Beginn der jeweils folgenden Sätze.

Zwischen den tendenziell bewegten Sätzen 1 und 3 („Houles“ = Wogen) sowie 5 etabliert Dutilleux kontrastierende Ruhepunkte: die Sätze 2 und 4. Trotz dieser Schnell-Langsam-Folge der einzelnen Teile sind die Grenzen zwischen den Sätzen verschleiert.


Im fünften Satz („Hymne“) werden die Dynamik und die schillernde Orchestrierung der Sätze 1 und 3 nochmals gesteigert; auch kehrt der Unisono-Tritonus vom Anfang wieder, auch die bereits im dritten Satz ähnlich gehörten cymbalfunkelnden Orchesterschläge mit Glockenspiel und Celesta. Aber das Stück schließt nicht mit einem der Höhepunkte dieser gegen Ende mehrfach angesteuerten fiebrigen Orchesterwallungen. Henri Dutilleux lässt es verklingen, mit flirrenden, sich verflüchtigenden Cellotönen. Die titelgebende „ganz ferne Welt“ ist wieder versunken. Der Traum ist vorbei.

Mi., 11. April 2018 20:00 Uhr

Kongresshaus Stadthalle Heidelberg

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