Von Silja Meyer-Zurwelle
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Tiefe Pizzicato-Töne des Cellos bahnen sich den Weg durch den hohen Raum der Heiliggeistkirche und hallen nach. Jean-Guihen Queyras sitzt allein auf der Bühne. „Ay, there’s the rub“ nennt der italienische Komponist Marco Stroppa sein Werk für Solo-Cello. Und ja, da ist ganz viel Reibung. Weniger beim auf dem Griffbrett gestrichenen, seichten sul tasto, dafür umso mehr beim aggressiven, am Steg gespielten sul ponticello: Der Cellist kann die ganze Vielfalt seines Instruments zeigen, in einem Stück, das keine klare Spannungskurve enthält, aber trotzdem reichlich Spannung erzeugt.

Kein schlechter Auftakt für das Konzert „In Thrakien“ im Rahmen des Heidelberger Frühlings. Jean-Guihen Queyras hat das Publikum mit Stroppas Kapriolen schnell  am Haken. Doch richtig „thrakisch“ wird es erst, als sich die Schlagzeuger Bijan und Keyvan Chemirani sowie der Streicher Sokratis Sinopoulos zum Cellisten auf die Bühne gesellen. Sie haben Instrumente dabei, die hierzulande wenig bekannt sind, eine Daf und eine Zarb – Trommeln mit Schellen beziehungsweise Fuß – sowie eine persische Kniegeige, die Kamancheh.

Zwischen den beiden Streichern entwickelt sich in Ross Dalys Stück „Karsilamas“ ein Frage-Antwort-Spiel, zu dem die Chemirani-Brüder auf ihren Schlaginstrumenten einen derartigen Wirbel veranstalten, dass es einem den Atem verschlägt. Die vier Musiker sitzen im Kreis; versunken in Rhythmen und Klänge, beschwören sie orientalische Bilder herauf. Ein Abend unter Freunden, bei dem immer ein wenig Melancholie mitschwingt. Wenn Sinopoulos allein auf der Kamancheh spielt, scheint er verlorenen Melodien nachzuhorchen, ein einsamer Sänger, der über das Leben sinniert.

Bei der Percussion-Improvisation der beiden Brüder erreicht die Stimmung an diesem Abend ihren  Siedepunkt: Die Finger werden zu Synchrontänzern, auf das virtuose Intro folgt ein Schlagabtausch erster Güte. Wenn sie über das Trommelfell oder den geriffelten Rahmen reiben und durch leichten Druck die Tonhöhe verändern, erweist sich zudem die enorme klangliche Spannbreite dieses eigentlich unscheinbaren Instruments.

Die vier Musiker schenken dem Publikum an diesem Abend vor allem eins: pure Freude. Sie gehen aufeinander ein, vertiefen sich in immer neue Gespräche unter Freunden. Und sie lösen ein, was der Konzerttitel „In Thrakien“ versprach: die Spurensuche nach einer reichen Musikkultur, die sehr viel mehr zu bieten hat als nur exotische Instrumente. 

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