Von Roman Luettin
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Eines Tages platzte dem Münchner Musikdirektor Paul Marsop der Kragen: „Applaudiere nie zwischen den einzelnen Teilen einer Symphonie, einer Sonate oder eines Streichquartettes. Beethoven ist kein Dilettant der eine Aufmunterung nötig hätte. Du heisst Huber. Das ist auch ein schöner Name. Aber warte doch lieber, bis Beethoven mit dem fertig ist, was er zu sagen hat, ehe Du Dich ihm vorstellst!“ Es war im Jahr 1913, als diese Vorschrift zum korrekten Konzerthörverhalten formuliert wurde. Zu diesem Zeitpunkt ist die Entwicklung des bürgerlichen Konzertwesens vollendet, die Regeln sind festgezurrt: Sei kein Dilettant! Applaudiere nicht zwischen den Sätzen! Kleide dich dem Anlass entsprechend und vor allen Dingen: Hör’ gefälligst zu! Und das Publikum hält sich daran, oder ist zumindest darum bemüht – seit über hundert Jahren.

Ich frage mich in vielen Konzerten: Wie geht das eigentlich, zuhören? Zunächst einmal scheint es wichtig zu sein, die eigenen Erwartungen zu klären, an das Konzert, aber auch an sich selbst. Möchte ich a) die chromatische Modulation in die Reprisentonart nachvollziehen; oder b) meine Einkaufsliste planen; oder c) Teil einer sinnlich-ästhetischen, vielleicht sogar kontemplativen Erfahrung sein? Ehrliche Antwort: Ich möchte a), b) und c) gleichermaßen.

Das Recht, überrascht zu werden.

a) Für viele Hörer*innen – mich eingeschlossen – spielt es eine entscheidende Rolle, ob ihnen die Musik gefällt. Vertrautheit mit der Musik, mit ihrer Sprache oder Logik gibt uns Orientierung. Wir wollen wissen: Wo befinden wir uns? Aber auch: Was kommt als Nächstes? So streben wir paradoxerweise eine Aufdeckung dessen an, was Musik uns so gut bieten kann: Unabhängigkeit von Rationalem, von Zeit und Raum. Dabei werden die Gelegenheiten zu einem allerersten Hören immer seltener. Solche Momente sind essentiell, es gibt ein Recht auch auf das Ungefällige, das Unbekannte, auf Ecken und Kanten: Programme jenseits des sogenannten Repertoires.

Das Recht, herumzuhören.

b) Jede*r schaltet im Konzert manchmal zwischendurch ab, denkt an private Angelegenheiten und beschäftigt sich so gar nicht mit den Geschehnissen auf dem Podium. Wo sonst, wenn nicht im Konzertsaal können wir über anstehende Entscheidungen brüten, vergangene Gespräche reflektieren oder unauffällig andere Leute beobachten? Erwerben wir mit der Eintrittskarte in den Konzertsaal unserer Wahl nicht zugleich auch das Recht, vagabundierend herumzuhören, wegzuhören oder in uns hineinzuhören?

Das Recht, überwältigt zu werden.

c) Nicht nur unsere geliebt-gehassten Konzertkonventionen verdanken wir der Verbürgerlichung der Kultur seit dem achtzehnten Jahrhundert, auch kunstreligiöse Aspekte aus dem neunzehnten prägen heute unsere Erwartungen an ein Konzert: Wir suchen Sinnstiftung und Meditation, einen Erleuchtungs- und Erlebnisort statt einer Bildungsinstitution. Haben wir nicht auch ein Recht auf emotionale Überwältigung?

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Im Selbstversuch wechsle ich aus dem Konzertsaal ins Wohnzimmer: Allein mit einer guten Aufnahme, schalldichten Kopfhörern und in einem bequemen Sessel sollte ich mich der Musik doch mindestens genauso intensiv widmen können, wenn nicht sogar intensiver und fokussierter zuhören, als in der Öffentlichkeit, zwischen anderen. Oder ich könnte am Klavier die Partitur durchgehen und praktisch mitvollziehen, wie das entsprechende Werk gebaut ist. Ernüchtert stelle ich schon nach kurzer Zeit fest: Zum Hören gehört mehr, als nur zu hören. Bei jeder Aufnahme, die ich auflege, scheint etwas zu fehlen: die visuelle Komponente: die gestische, atmosphärische, physiognomische Aura der Musizierenden, die Kommunikation zwischen Orchester und Dirigentin, Geiger und Pianist, das alles bleibt unsichtbar. Auch ein Konzertfilm hilft nicht viel weiter, denn es fehlt das Haptische und die persönliche Teilnahme am Ritual. Also doch wieder live ins Konzert, zurück zu den anderen, auch wenn ich das Programm nicht selbst auswählen kann?

Unbedingt! Die Konzertformen scheinen sich heute erneut zu verändern, zumindest sind einige Festivals und Veranstalter in letzter Zeit auf der Suche danach: Sie werfen Konventionen über Bord, bieten Nachtlager-Erlebnisse an, versprechen Klangrausch und AudioInvasion. Neben dieser Hinterfragung alter Rituale gibt es aber auch ein wachsendes Abonnement-Publikum, die Klassik boomt. In dieser unübersichtlichen Situation ist alles möglich und erlaubt. Wir haben nach wie vor das Recht, jederzeit wegzuhören. Wir haben aber auch die Pflicht, erst mal hinzuhören. Wir könnten heute das Zuhören neu ausprobieren, könnten ein Gespür für Zwischentöne entwickeln, für das Unausgesprochene, Unaussprechliche. Und miteinander darüber sprechen. Und dann: Da Capo!

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