Von Werner Kopfmüller
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Wer an Eichendorff-Vertonungen denkt, dem fällt sofort Robert Schumanns op. 39 ein. Dabei haben sich Legionen von Komponisten für diesen Dichter interessiert, es gibt echte Entdeckungen zu machen. Das haben die Musiker von der Young Artists Plattform des Oxford Lieder Festival bei ihrem Gastkonzert im Ballsaal der Stadthalle beherzigt, gemeinsam mit zwei Alumni von der Lied-Akademie. Mit dem heute weithin vergessenen Schweizer Komponisten Othmar Schoeck geht diese Matinee namens „Ein Morgen mit Eichendorff  los. Er hat einen ganzen Zyklus geschrieben mit Eichendorff-Liedern, Verse über Abschied und Einsamkeit, über das Wandern und die Nacht. Der Bass-Bariton Michael Mofidian erweist sich mit seiner klar fokussierten Stimme als idealer Interpret dieser spätromantischen Preziosen. Knorrig wie eine alte Eiche tönt es im grünen Revier der „Waldeinsamkeit“, eisig klirrt es in der „Winternacht“. Insgesamt sind es zwölf überwiegend ernste, stille Stücke, bedächtig im Tempo und mit weitschwingenden Kantilenen. Im Klaviersatz passiert nicht viel, Keval Shah am Flügel begleitet dezent, mit sparsamen Akkorden. Schoecks Lieder offenbaren eine gern verkannte Seite der Eichendorffschen Lyrik, dessen Naturbilder von sanfter Schönheit sein mögen, aber sie sind nicht naiv: geneigte Täler, singende Lerchen und goldene Sterne bedeuten keine sentimentale Verklärung. Die Natur hat neben ihrem Zauber auch Unheimliches, Dämonisches! Kehrseite andächtiger Versenkung ist immer das ahnungsvolle Schaudern.

Das wusste auch Johannes Brahms, dessen im Volkston gehaltene Lieder „Mondnacht“ und „In der Fremde“ im Bekanntheitsgrad hinter denen Schumanns zurückstehen. Seine Eichendorff-Vertonungen scheuen aber auch den dramatischen Ausbruch nicht, etwa in „Parole“ und „Anklänge“ aus op. 7. Die Mezzosopranistin Bethan Langford singt das mit messingfarbenem Timbre und voller, auch in der Höhe gerundeter Stimme, unterstützt von Sholto Kynoch am Klavier. Sprühend vor Lebensfreude das „Wanderlied“ op. 57,6 von Felix Mendelssohn Bartholdy,  sein Lied „Es weiß und rät es doch keiner“ kommt erstaunlich schwermütig daher, ganz im Gegensatz zur Koketterie, die Schumann für diese Verse gewählt hatte. Äusserst erhellend, ja, spannend ist es, die stilistische Vielfalt von Vertonungen ein und derselben Texte kennen zu lernen. Beim sonst eher schlichten „Nachtlied“ op. 71,6, ebenfalls von Mendelssohn, meint man aus den Worten „Gott loben wollen wir vereint / Bis dass der lichte Morgen scheint“ den frommen Protestanten herauszuhören, so expressiv hat er diese Stelle auskomponiert.

Zuletzt präsentiert der isländische Bariton Jóhann Kristinsson eine Auswahl aus Eichendorff-Liedern von Hugo Wolf. Er hat bei dem in Heidelberg im letzten Jahr erstmals ausgerichteten Wettbewerb „Das Lied“ den dritten Preis und zusätzlich den Publikumspreis gewonnen. Mit Ammiel Bushakevitz, ebenfalls ein Alumnus der Heidelberger Akademie, bildet er schon seit Längerem ein erfolgreiches Liedduo. Kristinssons Stimme hat eine leuchtende Mittellage, tenorale Höhen und eine metallische Tiefe.  Er glänzt überdies mit fesselnder Bühnenpräsenz, wie im skurrilen „Unfall“ oder beim „Schreckenberger“, Lieder, die er behutsam zur Szene gestaltet. Betörend gelingt die wagnerinspirierte „Verschwiegene Liebe“ und der impressionistisch schillernde „Nachtzauber“, ein Stück von hypnotischer Klangwirkung. Eigentlich könnte eine Liedmatinee sehr gut damit enden. Doch es gibt noch einen furiosen Rausschmeißer: „Seemanns Abschied“. Ausführlicher Applaus für alle Mitwirkenden.

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