Von Sophie Emilie Beha
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Anne Teresa De Keersmaeker hebt den Arm, streckt den Zeigefinger in die Luft und verharrt – eine Pose, die an „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo erinnert. Als die Musik beginnt, wendet sie sich ab und verlässt die Bühne. Sie hat das Stück „Mitten wir im Leben sind“ genannt.

Jean-Guihen Queyras spielt die sechs Suiten für Violoncello Solo BWV 1007-102 von Johann Sebastian Bach. Zu den ersten vier Suiten agiert je ein Tänzer der Kompanie Rosas, und bei den Allemanden tritt jeweils die Choreografin De Keersmaeker dann selbst noch einmal für ein Pax de deux hinzu. Wellenbewegungen laufen durch die Körper, sie schrauben sich in die Luft, fallen in sich zusammen, drehen sich um ihre eigene Achse und um den Cellisten, dessen Spiel, ebenso wie der Tanz, Ausdruck von purer Authentizität ist. Queyras folgt den Sprüngen und Drehungen, er setzt Akzente bei Abdruck und Aufprall, nimmt sich auch agogische Freiheiten heraus, zur Ausgestaltung der Bewegungsdetails. Bei der minimalsten Verschiebung der Schulter oder einer Drehung der Fußspitze verweilt er auf Trillern, dehnt er die arpeggierten Akkorde in die Länge. Wie festgeleimt haftet der Bogen auf den Saiten, in unglaublicher Intensität.

Foto: Anne van Aerschot

Es ist, als hätten Musik und Tanz Respekt voreinander: Sie schenken sich gegenseitig Raum. Mal pausiert der Tanz, mal schweigt die Musik, dann tanzen die Körper weiter, wie die Schatten eines Echos. Manchmal wird das zum Problem, denn De Keersmaeker reizt diese choreographische Idee gerne stark aus, so dass die Spannung abfällt und sich die Stille, in der die gerade eben verklungene Musik noch nachschwingt, in ein Loch verwandelt, voller Atemgeräusche. Man hört das Schleifen der Schuhsohlen. Erst wenn Queyras den Bogen ansetzt, schließt sich der Stromkreis, Bach ist wieder dran.

Dass De Keersmaeker zur Essenz dieser Suiten vordringen will, versteht sich. Sie hat darauf verzichtet, die barocken Rhythmusschleifen in Schritte zu übertragen, stattdessen bricht sie die Komplexität der Musik herunter auf geometrische Formen. Ihre Tänzer nutzen alle Diagonalen des Raumes, sie schreiten und springen Kreise oder Pentagramme aus – und landen immer wieder auf dem Boden. Wie die Musik ihre Basis im Basston des Akkordgerüstes findet, zieht die Choreografie ihre Energie aus der Erde und gibt sie auch wieder dorthin ab. Und so wächst im Laufe des Abends neben den Kreidekreisen auf dem Bühnenboden ein Gitter aus grünem und weißem Klebeband auf dem Boden – eine weitere geometrische Form, die an Bachsche Zahlensymbolik erinnert.

Das Bachtanztheater von Anne Teresa De Keersmaeker lässt genügend Raum für Assoziationen. Durch die vielen Varianten und steten Wiederholungen stellt sich aber auch so etwas wie eine hypnotisierende Wirkung ein. In der vierten Suite tanzt sich Michaёl Pomero geradezu kaputt, im Prelude der darauffolgenden Suite tanzt dafür niemand, und die Allemande bestreitet De Keersmaeker dann ausnahmsweise allein. Es ist ein Abgeben von Verbrauchtem, ein Aufnehmen von Neuem. Nachdem die fünfte Suite in Dunkelheit versunken ist, erstrahlt die letzte in hellem Licht und zeigt alle Tänzer zusammen, wie neu geboren. „Mitten wyr ym leben sind / mit dem tod vmbfangen“, heißt vollständig das Originalzitat von Martin Luther, aus dem der Titel dieser Produktion entlehnt ist. Sie spart aber die Auferstehung nicht aus.

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