Von Sophie Emilie Beha
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Das erste Lied ist schnell gehört. Es dauert weniger als zehn Sekunden und besteht aus nur vier Takten.„Ich schreibe heute durch“ singt die Tenorstimme, macht dabei keinen Tonwechsel und steigert sich, Achtel für Achtel, von laut zu sehr laut. Bereits zu Beginn von „A Padmore Cycle“ macht Thomas Larcher die fragmentarische Anlage dieses gesamten Zyklus deutlich, den er seinem Freund, dem Tenor Mark Padmore gewidmet hat. Insgesamt hat er elf Gedichte der Tiroler Autoren Hans Aschenwald und Alois Hotschnig vertont. Die haikuartigen Texte bestehen aus ein bis zwei Sätzen, sie handeln größtenteils von der Natur. 

„Wenn im Frühsommer das Leben beginnt… “: zart singt die Tenorstimme einen gebrochenen C-Dur-Dreiklang auf und ab, das Klavier begleitet unisono und mit Hackbrettschlägeln. Diese Phrase wiederholt sich, nur führen diesmal die letzten zwei Töne in die Atonalität. Über elf Takte hinweg hämmern durchgehende Achtelnoten auf einem fünfgestrichenen c mit an- und abschwellender Intensität und brutaler Härte. Dann wird der Satz beendet: „…sterben die Menschen im Tal“. Silbe für Silbe beschreibt die Melodie eine Abwärtslinie, das Klavier antwortet jeweils wieder mit einem hohen c und verliert sich zum Schluß, während dem langgezogenen Wort „Taaal“, in dissonanten Dreiklangsbrechungen. Ein letztes Mal erklingt der Satzfetzen mit der Anfangsmelodie wie vom Winde verweht oder wie ein Echo, das von Berghängen abprallt. Das Klavier schweigt, die Melodie verschwindet im Nichts.

Dieses Zusammen- und Wechselspiel von Gesang und Klavier ist symptomatisch für den gesamten Zyklus. Mal ist das Klavier Unterstützer, dann spielt es den gleichen Rhythmus oder dieselben Töne. Mal spricht das Klavier den Kommentar, es tritt einen Schritt zurück und reflektiert das Gesungene. Denn die Bergwelt ist nicht immer idyllisch und die Bewohner im Tal verspüren eine erdrückende Klaustrophobie: „Hunger nach Heimat, die keine mehr ist“. Überhaupt bietet Larcher dem Pianisten viele Gelegenheiten, die verschiedensten Klangfarben auszukosten. Geradezu plastisch tönt das panisch-irre Herumtasten in „Dein Wort mein Blindenhund“ oder das Windrauschen in „Hart am Herz“, bei dem Schraubenziehergriffe über die Saiten streichen.

Mit Mitteln der musique concrète instrumentale, mit extremen Intervallsprüngen und schnörkellosen Linien schafft Larcher  eine authentische Atmosphäre. In „Und beim Weggehen schmilzt aus den Augen der Schnee“ wird ein batteriebetriebenes Gerät, der E-Bow, auf die tiefe Fis-Saite gelegt. Der harmonisch-sonore Klang durchdringt wie ein Orgelpunkt das ganze Stück. Dazu erklingen die gebrochenen Dreiklänge in der rechten Hand wie tropfendes Tauwasser.

Obwohl Larchers Musik nicht viel mit Tonalität zu tun hat, schafft er einen transparenten Rahmen mit fragiler Struktur. Die verschiedenen Tonhöhen, die farbigen Klangvaleurs und der Widerwille, die Töne loszulassen, bilden eine perlmuttfarbene Gesamtheit, unter der jedes einzelne Lied des Zyklus hervorschimmert.

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