Von Lisa Schoen
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Wirklich auffallend ist die coole Disziplin dieser Pianistin. Nie verliert Khatia Buniatishvili ihren Fokus. Dabei hat sie erst rund zehn Jahre Erfahrung als Solistin, noch vor kurzem wurde sie als „Nachwuchskünstlerin“ oder „Rising Star“ angekündigt. Heute reicht ihre Abgeklärtheit buchstäblich bis in die Fingerspitzen, vom ersten Schritt auf die Bühne bis zur zweiten Zugabe.

Buniatishvili tritt auf. Sie geht zum Flügel, verneigt sich leicht, setzt sich, hält inne, ihre Hände schweben für einen Moment über der Tastatur – dann fängt sie an. Der erste Akkord von Schuberts letzter Klaviersonate in B-Dur wirkt zurückgenommen, beinahe andächtig. Sie steigert das Tempo entschieden, kehrt aber mehrfach wieder zur Ausgangsgeschwindigkeit zurück. Eine dynamische Kontrastdramaturgie, die auch zur eigenwilligen Auskostung von Fermaten führt. Sanft schwebend das Andante sostenuto: Buniatishvili spielt diesen magischen Satz entschleunigt, viel langsamer, als man es von anderen Pianisten kennt. Nicht alle können oder wollen sich offenbar auf diesen langen Atem einlassen, zunehmend kommt Unruhe auf im Saal, es raschelt und hustet, was auch Khatia Buniatishvili mitkriegt. Später, nach dem Konzert, im Interview rechtfertigt sie sich und erklärt, warum ihr die übliche Spielweise dieses Satzes zu lebhaft sei.

Der Klang vergeht nie. Sie lässt ihn nicht sterben. Beim Pedalwechseln bleiben die Finger liegen, die Tasten gehalten. Nicht enden wollende Momente entstehen, Schubertsche Ewigkeiten. Das Zeitempfinden löst sich auf. Im tänzerisch-leicht dargebotenen dritten Satz finden Buniatishvili und diese Sonate mühelos wieder zurück in die Echtzeit.

Auch die zweite Konzerthälfte, Kompositionen von Franz Liszt gewidmet, gestaltet sie auf ihre eigene, selbstbewusste, entschlossene Buniatishvili-Art. Als programmatischer Brückenschlag dienen Schubert-Lied-Paraphrasen von Franz Liszt. Es folgt ein wohldurchdachter Ausflug ins Pianistisch-Virtuose, souverän und mit eindrucksvoller Körpersprache gestaltet Buniatishvili „Mazeppa“ aus den „Etudes d’exécution transcendante“ sowie die sechste Ungarische Rhapsodie.

Wieder wirkt vor allem die Dynamik unerhört ausdifferenziert, nicht nur im donnernden Fortebereich. Selbst die allerleisesten Töne – so leise, dass man verwundert ist, dass beim Anschlagen der Taste überhaupt noch ein Ton erklingt – haben noch einen Klangkern. Die Ausstrahlungskraft dieser Darbietung ist im ganzen Raum spürbar: Es entsteht eine Aura. Am Ende steht Khatia Buniatishvili vor einem begeisterten Publikum. Dank. Zugabe, Interview, Abreise. Eine Frau, die weiß, was sie will.

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