Von Ida Hermes
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Es dauert noch nicht einmal fünf Minuten, da möchte man sich schon Zwiebeln auf die Ohren binden: Wolfgang Rihms „Lichtzwang“ für Solovioline und Orchester tut weh. Hohes Vibratosirren, penetrante Haltetöne, ein brachialer Orchesterklang ohne Violinen und Oboen, dafür mit einer Elektro-Orgel und von allem anderen ein bisschen mehr.

Diese Frequenzen! Beinahe ist es ein Wunder, dass die CD sich nicht selbst zersplittert. Also, warum nicht einfach die Stopp-Taste drücken? Die Violinistin Tianwa Yang hat auf ihrem neuen Album dieses und zwei weitere Rihm-Stücke eingespielt. „Lichtzwang“ ist das älteste, von 1977. „Dritte Musik“ entstand rund zwanzig Jahre später, „Gedicht des Malers“ erst vor vier Jahren. Musik aus drei verschiedenen Schaffensperioden Rihms also, vom Beginn seiner steilen Karriere bis heute. Sehr unterschiedlich sind diese Stücke, und doch haben sie eines gemeinsam: eine spätromantisch anmutende Intensität, die zum Weiterhören zwingt. Man kommt nicht raus.

Das liegt natürlich einerseits an der jeweiligen Komposition. Aber auch die Kunst der Interpretation spielt eine Rolle dabei. Man denke etwa an Teodor Currentzis, der die Effekte der Tschaikowsky-Symphonien bis zur Unerträglichkeit steigert. Oder, als Gegenbeispiel, die unzähligen Klassik-Hit-Compilations, auf denen selbst Beethoven so abgelatscht klingt wie das Gedudel des alten Eiswagens in unserem Dorf, damals.

Tianwa Yang weiß genau, was sie tut. Sie ist eine großartige Musikerin, eine brillante Virtuosin mit makelloser Technik. Freilich, eine Technik ohne Kälte! Yang stellt ihr Können nicht zur Schau, sondern in den Dienst der Musik. Sie dosiert jede Klangfarbennuance genau, gestaltet Kontraste aus mit Besonnenheit, vom heftigsten Fortissimo bis ins fragile Piano, ja, bis zur Stille. Und zieht so mit unglaublicher Entschiedenheit durch, was Rihm in die Partitur geschrieben hat. Und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Christoph Mathias Mueller geht mit.

Der Geigenton Yangs verschmilzt mit schnarrenden Bläserstimmen, lässt sich von der schwarzen Orchesterwucht verschlingen, um sich plötzlich dagegen aufzubäumen. Es ist ein ständiges Mit- und Gegeneinander, diese Konzertstücke wachsen sich aus zu intimen Duetten zwischen Orchester und Solovioline. Ja, es stimmt, sie verlangen auch dem Hörer einiges ab. Aber: Das lohnt sich. Für die Kompositionen Wolfgang Rihms ist dieses Album jedenfalls schon jetzt eine Referenzaufnahme.

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