Von Alexandra Ketterer
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Es wirkt, als würde das Klavier von den Heidelberger Druckmaschinen träumen. Die zögerlichen Klänge von Morton Feldmans „Palais de Mari” tasten die Räume der ehemaligen Zentrale der Heidelberger Druckmaschinen AG ab. Ein expressionistisches Spätwerk Feldmans. Es fühlt sich an wie ein ewiger Moment. Es verwandelt den weißen Beton in einen schüchternen Akteur. Mit Johann Sebastian Bach dagegen kriegen die Säulen ein exzentrisches Eigenleben.

„Das Außen im Innen” heißt die Videoinstallation von Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, die in der HebelHalle vorgeführt wird. Sie zeigt die verlassenen Räume der Fabrik aus verschiedenen Perspektiven, auf vier großen Leinwänden. Dazu spielt die Pianistin Elisabeth Brauß. Sie erfüllt die Räume, den physischen und den digitalen, mit eigenem, neuem Leben, fein und nachdenklich spannt sie mit einzelnen Sätzen aus dem Wohltemperierten Klavier, zuvor mit Feldman, unterschiedliche Epochen zusammen, wie es nur der Musik gelingen kann.

Was verbindet die Musik mit der Architektur? Daniel Libeskind, eingeladen vom Heidelberger Frühling, beantwortet diese Frage biographisch: Die Musik bilde den Ausgangspunkt für all seine Werke. Als Jugendlicher hatte seine Leidenschaft dem Akkordeon gegolten, als Architekt begleitet ihn die Liebe zur Musik weiter, beispielsweise beim Entwurf des Jüdischen Museums in Berlin. Inspiriert wurde Libeskind dazu von Arnold Schönbergs unfertig hinterlassener Oper „Moses und Aron”. Bewegt von dessen Schicksal während des Zweiten Weltkriegs nahm er sich vor, dessen Oper architektonisch zu vollenden. Ausgehend von der Partitur zeichnete er ein musikalisches Alphabet und transformierte es um zum Gebäude. Zwischen den hohen Wänden dieses spektakulären, zickzackförmigen Neubaus wird Gottes Antwort auf Moses Hilferuf hörbar. Sie tritt in den architektonischen Leerstellen des Gebäudes in Erscheinung. Klingt nach im Echo der Fußschritte der Besucher.

Egal, ob der Architekt Libeskind Museen entwirft oder Universitäten, Einkaufszentren oder Wohnraum –  jede Umgebung untersucht er zunächst auf ihre akustische Qualität. Wo klingt, zum Beispiel, Mozarts Requiem am besten? Man sollte, sagt Liebeskind, das Stück nicht in Kirchen oder Konzertsälen hören. Viel wirkungsvoller klinge es auf den Abstellgleisen des VGF Betriebshofs in Frankfurt am Main, in den großen Hallen, in deren Wände ein ewiges Ankommen und Aufbrechen der Züge eingeschrieben sei. Interessant sei, wie sich Musik und Raum wechselseitig beeinflussen, auch, welche Geschichten in welchen Räumen stecken und wie diese die Musikrezeption verändern. In seinem Projekt „One Day In Life”, 2016 für die Alte Oper Frankfurt entworfen, hatte er die architektonischen Emotionalitäten der Stadt  untersucht und Musiker und Publikum zusammengebracht in Großküche, Operationssaal und Bibliotheksarchiv. Das ist das Wichtigste: Beide Künste, Musik und Architektur, schaffen Räume. Beide bringen Menschen zusammen.

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