Von Lisa Schoen
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Wir befinden uns in einem Traum. Sanft gleitet die Kamera über eine Landschaft aus Wolken. Sie zeigt uns, was Sam Lowry sieht, Hauptfigur in dem Terry-Gilliam-Film „Brazil“ von 1985. Sam schwebt mit konstruierten Flügeln durch die Lüfte, ein Schriftzug taucht auf: „Somewhere in the 20th Century“. Schnitt, Sam erwacht, er verwandelt sich von Ikarus in einen einfachen Angestellten des staatlichen Informationsministeriums.
 
Die Welt, in der er lebt, wird überwacht von höheren Mächten. Sie ist durchzogen von einem Netzwerk von Rohren und Schläuchen, die sich überall befinden, versteckt in Zwischenböden oder als Mülleimer, verbaut in Staubsauger, oft einfach frei hängend, irgendwo im Raum. Direkt zu Beginn des Films ist eine Art Werbesendung zu sehen, die Verschönerungsmöglichkeiten anbietet, Rohrverkleidungen in verschiedenen Formen und Farben, die dazu anregen sollen, sich mit diesem Zustand anzufreunden und das Beste aus dem zu machen, was den Menschen gegeben ist – oder es eben zu ignorieren.

Das System wird erschüttert von Terrorangriffen, die sich wie ein roter Faden durch Sams Alltag ziehen. Er lässt sich beim Lunch mit seiner Mutter nicht einmal beirren, als die Hälfte des Nobelrestaurants in die Luft fliegt und verwundete Menschen überall im Raum verteilt liegen. Im Gegenteil: Dies sei nicht seine Abteilung, sagt er, sich zu kümmern damit auch nicht seine Aufgabe. Ein Kellner schirmt die Essenden mit einem Raumteiler von den anderen, nun mit weniger Körperteilen ausgestatteten Gästen ab. Die Mahlzeiten liegen als pürierte Häufchen auf den Tellern, jeweils mit einem Foto bestückt, damit man sich das, was man nicht kauen muss, in ursprünglicher Form angucken kann. Kein Wunder, dass der Surrealismus und die Brutalität dieses Zukunftsszenarios Fragen aufwerfen. Warum, zum Beispiel, läuft ein Mops durchs Bild, dessen Hinterteil kreuzförmig mit einem Pflaster zugeklebt wurde? 
Sam ist der einzige, der aus dieser Groteske immer wieder in seine eigne Traumwelt entschwindet. Absurderweise wirft ihm ausgerechnet seine Mutter Ambitionslosigkeit vor, nachdem er eine von ihr arrangierte Beförderung ausgeschlagen hat: „Sam, you must have hopes, wishes, dreams!“ Auch die Liebesgeschichte zwischen ihm und Jill beginnt im Traum. Sie erscheint ihm zuerst im Schlaf, tritt dann im Laufe seiner Ermittlungsarbeiten in sein Leben, doch immer wieder, wenn sich ein Happy End anbahnt, wird es von Terrorangriffen unterbrochen. Auch der Schluss des Films scheint, wie die Phantasie seines Protagonisten, endlos zu sein. Jedes Mal, wenn man sicher ist, nun wirklich die letzte Szene erreicht zu haben, bricht der nächste Angriff herein. Fast wirkt es kitschig, wenn, zum Beispiel, ein Bergidyll auftaucht, Sinnbild von Natur, Ungestörtheit und Ruhe. Es handelt sich aber, wie sich herausstellt, nur um die Vision des gefolterten Sam Lowry, der sich in den Zustand geistiger Umnachtung verabschiedet hat.
 
Vierunddreißig Jahre nach seiner Entstehung ist dieser Film immer noch aktuell, er ist zu einem Kultfilm geworden. Fremdbestimmung, Regelkonformität, der Umgang mit Technologien und die Notwendigkeit der Reflexion der eigenen Lebenswelt, diese Probleme haben sich inzwischen eher verschärft. Gilliams scharfe, zwischen Wunschtraum und Dystopie balancierende Gesellschaftskritik hatte allerdings schon gleich nach der Fertigstellung des Films Kontroversen hervorgerufen. Es gibt zwei Fassungen, eine lange mit schlechtem, eine kürzere mit gutem Ausgang. Auch der Titel des Films, letztlich pure Ironie, ist nur eine Notlösung. Erst brach ein juristischer Streit darum aus, wie er heißen sollte, dann blieb am Ende nur der Name des extrem gut gelaunten Urlaubspartysongs übrig, „Brazil“, der zu Beginn die Wolkentraumsequenz begleitet: Musik, die von der Sehnsucht singt, nach einem anderen Ort. 
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