Von Ida Hermes
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Musik hinter einem seidenen Vorhang: Für sein Konzert beim Heidelberger Frühling hat Theo Plath die  Trois Pièces von Nadia Boulanger für Fagott bearbeitet. Drei Miniaturen aus dem Jahr 1914, ursprünglich geschrieben für Cello und Klavier. Nadia Boulanger hatte das Komponieren früh an den Nagel gehängt, doch als Kompositionslehrerin wurde sie eine Berühmtheit: Unter ihren Schülern finden sich unter anderem Aaron Copland, Philip Glass und Elliot Carter. Theo Plath erzählt im Gespräch, was er an Boulangers Musik besonders aufregend findet.

Die Trois Pièces sind ursprünglich Stücke für Violoncello und Klavier. Warum eignen sie sich auch gut für Fagott?

Ich habe in ihnen viele Eigenschaften entdeckt, bei denen sich das Fagott sehr zuhause fühlt: Melancholie, Witz, Lebensfreude, sehr kantable, aber auch lustige Passagen. Und viele Farben, die mit dem Fagott gut vereinbar sind. Ich bin immer auf der Suche nach neuem Repertoire, das dem Charakter des Fagotts entspricht. Da ist natürlich die Tonlage wichtig, der Ambitus sollte ungefähr passen, wenn auch in einer transponierten Oktave. Noch wichtiger ist aber, dass der musikalische Charakter des Stückes passt.

Ist das für dich Neue Musik?

Im Vergleich zu dem, was heute an Uraufführungen in den Konzertsälen gespielt wird, finde ich die Stücke von Boulanger äußerst klassisch. Natürlich nicht im Sinne der Wiener Klassik. Aber die Harmonien und der Aufbau sind konventionell. Es gibt nichts Experimentelles darin, nichts, was es vorher nicht auch schon gab. Es ist eher der Charakter der Stücke, der so besonders ist.

Wie muss man diese Musik spielen?

Ich würde sagen: mit unterdrückter Leidenschaft. Es ist extrem gefühlvolle Musik, nur nie offensichtlich. Im dritten Satz gibt es eine Explosion, da bricht dann alles heraus, aber in den ersten beiden Sätzen werden die Gefühle zurückgehalten. Es gibt nichts, womit man den Zuhörer wirklich packen kann oder darf. Alles wirkt wie hinter einem seidenen Vorhang.

Was ist das Besondere an der Besetzung Fagott-Klavier?

In dieser Hinsicht ist das zweite Stück Sans vitesse et a l’aise besonders interessant. Es klingt ein bisschen so, als ob man doppelt sieht: Die Bilder scheinen gleich zu sein, weil sie ineinander schwimmen, sie sind aber in Wahrheit völlig unterschiedlich. Das Klavier ist ja ein Tasteninstrument, es kann auf einem Ton also keinen wachsenden Klang erzeugen. Das Fagott wiederum ein Melodieinstrument. Es ist interessant, wie sich diese Farben in der Musik vermischen – oder nur zu vermischen scheinen. Das Stück ist als Kanon aufgebaut, das Klavier wiederholt die Fagottstimme um ein Achtel versetzt. Dadurch verzahnen sie sich so eng.

Als Referenz hast du eine Aufnahme von Nicolas Altstaedt ausgewählt. Warum ist sie für dich besonders?

Weil er die verschiedenen Charaktere und Klangfarben des Stückes sehr treffend beschreibt auf dieser CD. Es ist einfach eine ganz tolle, vielfarbige Interpretation, die mich inspiriert hat für mein eigenes Spiel.

Theo Plath studiert Fagott an der Hochschule für Musik und Theater München. Er hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter der Preis des Deutschen Musikwettbewerbs 2018, der ihn auch zum Heidelberger Frühling 2019 führte. Beim Tea Time Konzert im Europäischen Hof am 31. März spielt er gemeinsam mit dem Pianisten Alexander Blettenberg Werke von Nadia Boulanger, Camille Saint-Saëns, Claude Debussy und anderen.

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