Von Leah Biebert
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Antike trifft auf Barock trifft auf Gegenwart trifft auf Science Fiction. Kann das klappen? Schließlich geht es in den antiken Mythen um nichts anderes als um die tiefsten, ursprünglichsten Erfahrungen der Menschheit, sie können daher genutzt werden auch als „Einflugschneise für die Zukunft“. So sagt das Lisa Charlotte Friedrich, Regisseurin und Teil des Teams rund um die spektakulär überfrachtete Opernproduktion des Heidelberger Frühlings: Castor&&Pollux.

 

Der Titel des Stücks zitiert die Halb- und Zwillingsbrüder aus der griechischen Mythologie, die vom Göttervater Zeus als Sterne an den Himmel gesetzt wurden, damit sie für immer zusammen bleiben können. Die Idee wurde im Rahmen des Heidelberger Frühling von einer Gruppe junger Künstler entwickelt, unter der Fragestellung: Wie wollen wir leben? Herausgekommen ist ein multimediales Format mit Kompositionen von Lukas Rehm sowie Musik aus der fast gleichnamigen Oper von Jean-Philippe Rameau. Zusätzlich soll es eine begehbare Klanginstallation geben, außerdem zeigte das Karlstorkino im Vorfeld neue und alte Filme, die Zukunftswelten aufmachen, mit anschließenden Gesprächen des künstlerischen Teams.

Terry Gilliams Klassiker „Brazil“ aus dem Jahre 1985 beschwört das dystopische Bild einer automatisierten Welt. In technischer Hinsicht wirkt der Film schon heute überholt. Doch computerbasierte Technologien werden die Zukunft beherrschen, das scheint außer Frage zu stehen, egal, in welchem Jahrzehnt und egal, mit welchen ästhetischen Mitteln die Geschichte erzählt wird. Nach Gilliam, der seine Ideen in den Achtzigern entwarf, wird der Staatsapparat künftig von der Technologie profitieren, etwa durch Beschaffung wichtiger Informationen in Form von Datenströmen. Heute, anno 2019, profitiert das Heidelberger Künstlerteam von der Möglichkeit zur Installation futuristischer Raumklangsysteme. Und was wird dreißig Jahre später sein, 2045?

Zitate von Ray Kurzweil, dem Entwicklungschef bei Google, sollen in Castor&&Pollux den Blick in die Zukunft öffnen, sie sagen die Verschmelzung von biologischem Dasein und Technik voraus: Durch künstliche Intelligenz werde sich der technische Fortschritt derart beschleunigen, dass auch die menschliche Lebenserwartung gesteigert werde: Mythos der Singularity, der Traum von der Unsterblichkeit! Das bedeutet aber auch: Menschliche Gefühle und menschliches Bewusstsein werden Teil eines digitalen Datennetzes sein, ganz so, wie es der Film „Brazil“ vorausgesagt hat. Die Konsequenz: Entmenschlichung.

„You must have hopes or dreams!“, klagt die Mutter des Protagonisten Sam Lowry über die von ihm abgelehnte Beförderung. „No, nothing“, erwidert dieser. „Not even dreams.“ Doch das stimmt so nicht ganz. Denn während vor allem die älteren Damen dieser grotesken Gesellschaft versuchen, sich dem Ideal der Unsterblichkeit mithilfe von Schönheitsoperationen und medizinischen Gutscheinen zu nähern, strebt Lowry insgeheim nach etwas ganz anderem: Als Ikarus fliegt er in seinen Träumen regelmäßig einer blonden Schönheit entgegen. Die ewige Liebe ist nämlich der andere große, menschliche Traum.

Letztlich ist es Lowry unmöglich, seine Träume zu verwirklichen. Das ahnten wir ja schon länger: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. „Die Lösung ist System-Change“, erklärt Castor&&Pollux-Dramaturg Jim Igor Kallenberg. Er selbst glaubt an ein Training durch bewusste Überforderung, damit ein optimales Zusammenleben mit der Maschine gelingen kann.

Mit surrealen Traumvisionen und einer überwältigenden Bildgewalt stürzt „Brazil“ den Zuschauer immer tiefer in dystopische Wirren. Das 4DSOUND-Raumklangsystem zu Castor&&Pollux dagegen ist ein multimedialer Erfahrungsraum, Bühne und elektronisches Instrument zugleich. Nicht nur nach Unsterblichkeit und Liebe, auch nach Struktur und Ordnung sehnen sich die Menschen, dies sind offenbar zeitlose Bedürfnisse, die zunehmend durch die Übermacht von Digitalisierung und Globalisierung bedroht sind.

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