Von Alexandra Ketterer
Posted: Updated:
0 Kommentare

Rameaus Ouvertüre klettert über verschneite Felsen. Pendelt an Gebirgsschluchten zwischen Leben und Tod. Darüber lockt die Unsterblichkeit. Das 4D- Soundsystem erwacht zum Leben. Es kriecht in den Schlussakkord und schleudert ihn als verstärkten Geräuschkosmos durch die Alte Aula der Universität Heidelberg. Der Sound überschlägt sich, er wird verzerrt und rückgekoppelt. Das Musiktheaterstück „Castor&&Pollux“ verknüpft den antiken Mythos der Dioskuren mit Utopien aus dem Silicon Valley, unter teilweiser Verwendung der Tragédie lyrique, die Jean-Philippe Rameau 1737 in Paris komponiert hatte. Eine ungewöhnliche Bühnenkonstruktion spielt dabei mit – in der Rolle der künstlichen Intelligenz.

Der Komponist und Videokünstler Lukas Rehm, die Theaterregisseurin Lisa Charlotte Friederich und der Dramaturg Jim Igor Kallenberg sind Fellows der LAB Akademie. Im Frühling 2016 begannen sie damit, diese Story zu entwickeln mit dem Ziel, ein neues Musiktheater-Format für ein aufgeklärtes Publikum zu erarbeiten. Was ist daraus geworden?

Auf acht kleinen Bildschirmen und einer großen Leinwand werden verschiedene Videosequenzen gezeigt: blinkende Schaltkreise, Chips und Regler, einsame Schwäne und trinkende Löwen, Castor als Boxer, Pollux als reitender Akrobat, dazwischen Naturbilder im digitalen Animationsmodus. Video-Interviews mit Karlheinz Meier und anderen Forschern zur Künstlichen Intelligenz geben einen beunruhigenden Input. Alle acht Sänger/Sprecher sind abwechselnd sowohl Castor als auch Pollux. Der Rechercheteppich wird tüchtig durchgeschüttelt und ausgebreitet, jeder im Publikum darf sich einen roten Faden herausklauben.In einer Schlüsselszene bleibt Pollux, diesmal verkörpert von einer Sopranistin, verzweifelt allein zurück. Im Selbstgespräch, ohne Musik, beklagt er den Tod seines Zwillingsbruders. Da klinkt sich eine künstliche Intelligenz á la Siri  ein: „Was genau meinst du damit, Pollux?“ Für die KI ist die Angst von Pollux unverständlich, der befürchtet, das Gesicht seines Bruders zu vergessen, denn was die Maschine einmal lernt, das vergisst sie nie. Fragender und Antwortender vertauschen die Rollen, die Gedanken von Pollux verschmelzen mit denen der Maschine, er verwandelt sich in ein transhumanes Wesen. Unklar bleibt, ob nun Göttervater Zeus eingreifen muss, als Deus Ex Machina, oder ob Ray Kurzweils Singularity Pollux in die Unendlichkeit befördern.

Von der Wucht und den Farben, die in der Partitur Rameaus stecken, lassen die Rossetti Players unter Leitung von Konzertmeisterin Barbara Konrad leider wenig hören. Es bleibt den Sängerinnen und Sängern, darunter vor allem den vollen Stimmen von Bassbariton Jussi Juola und den Sopranistinnen Sarah Matousek  und Natalie Peréz überlassen, die schütteren Klänge des Orchesters zusammen zu halten. Nur gut, dass über weite Strecken nur gesprochen wird. Die elektronische Klangkomposition sorgt für den Spannungsbogen. Einmal klingt es, als würde die Luft zerschnitten. Ein andermal unterbricht eine sich aufbäumende Synthesizerfrequenz das vorwärts treibende rhythmische Muster, sie mutiert zu einem flächigen, industriellen Tonstrom. Jede Bewegung auf der Bühne, die sich wie eine Rampe längs durchs Publikum erstreckt, wird von den Algorithmen in Klang verwandelt: Der Mensch agiert, die Maschine antwortet.

Ähnliche Beiträge

Schubert trifft auf Messiaen beim „Standpunkte“-Konzert mit Markus Hinterhäuser, Igor Levit und dem...

Anne Cartel über Thierry Pecous Kompositionen.

Igor Levit stellt erstmals die „Passacaglia on DSCH“ von Ronald Stevenson vor