Von Selina Demtroeder
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Mit dem Fahrrad durch die Frühlingssonne, auf dem Weg in die Stadthalle. Ich hatte wirklich schon lange keine Cellostunde mehr. Gleich passiert es: Cellounterricht, ein Meisterkurs. Nur sitze ich diesmal dabei und höre zu. Irgendwie komisch.

Beobachter sind die Meisterschüler sicher gewohnt. Es handelt sich um die „interessantesten und vielversprechendsten jungen MusikerInnen ihrer Generation“, wie ich auf der Homepage des Heidelberger Frühling über die Kammermusik Akademie nachlesen konnte. Fahrrad abgestellt, zur Tür rein, Treppe hoch, Ballsaal gefunden. Wow! Stuck, Gold, Spiegel, Samt! Hier hätte ich auch gern mal Unterricht gehabt.

Der Meisterkurs ist öffentlich, gut dreißig Neugierige haben sich eingefunden. Leonard Elschenbroich betritt den Raum, gefolgt vom jungen Quatuor Bergen aus Paris. Er stellt seinen grauen, vermackten Cellokoffer ab. Ein Koffer mit Geschichte, denkt mein romantisches Musiker-Ich und seufzt.

Der erste Satz des F-Dur-Quartetts KV 168 von Mozart erklingt, ohne dass Elschenbroich unterbricht. „Ihr spielt ein bisschen zu old fashioned“, sagt er, als sie fertig sind. Mozart sei eher gezeichnet als gemalt: „Das war jetzt wie mit einem Schwamm über ein Bild gewischt“. Das Quartett wiederholt den Anfang, die Arbeit beginnt. Mit immer neuen Bildern gibt Elschenbroich dem Quartett eine konkrete Vorstellung davon, wie das Werk bitte nicht klingen soll. Er spricht von der Geste des Rockaufhebens, bei der man einen kleinen Knicks macht. Die Note habe quasi eine Beule, sie sollte geradliniger betont sein. Nach ein paar Anläufen verändert sich die Musik, die Konturen werden schärfer. „Es hört sich nach guter Musik an. Aber leider nicht nach großartiger“. Aha! Das ist also das Ziel.

Manchmal nimmt Elschenbroich den Platz der Cellistin ein und spielt vor, was er meint, und setzt exakt um, was er gesagt hat. Er ist toll! Ein paar Takte spielen sie zusammen. Dann zieht er sich wieder an den Bühnenrand zurück.
Nächste Baustelle: Elschenbroich erklärt, wie man den Bogen über die Saite zieht, um die Obertöne im Andante zum Schwingen zu bringen. „Der Arm muss sich ein wenig weiterbewegen“, er zeigt es jedem einzeln. „Wenn wir den gesamten Arm benutzen, entsteht der nötige Widerstand. Das fühlt sich an, als würden Sie Schwimmflügel ins Wasser drücken. Genau so kommen die Synkopen dann zurück.“
Nach zwei Stunden beendet Elschenbroich den ersten Teil der Meisterklasse und entlässt uns in die Pause. Er selbst hat keine, er gibt gleich das Mittagskonzert. Ich schaue auf die Uhr, die Zeit ist wie im Flug vergangen.

Am Nachmittag sitzt eine junge Cellistin allein auf der Bühne: Julia Hagen. Sie spielt sich ein, ein paar Fetzen Elgar, etwas aus den Sacher-Variationen. Als sie richtig mit Lutoslawski loslegt, wummert es und flirrt. Was für eine Energie! Ein gezupfter Arpeggio-Akkord, und das erste Stück geht zu Ende. „Bravo!“, sagt der Meister. „An ein paar Kleinigkeiten können wir noch arbeiten. Du spielst mir das ein bisschen zu pathetisch. Das ist kein jüdisches Lamento. Du kannst das ein bisschen alienhafter machen. Nicht so menschlich!“

Alienhaft: Das gilt natürlich nicht für den ersten Satz des Cellokonzerts von Elgar. Elschenbroich und Hagen befassen sich mit dem Forte. „Es ist schwierig, wirklich schön laut zu spielen. Der Ton ist sowohl in den Tiefen verankert, als auch in den Höhen entfaltet. Er atmet, muss aber auch Tiefgang haben.“ Hagen probiert es aus und bringt ein Forte zustande, das den wunderschönen Raum noch schöner macht.

Mit Elgar im Kopf verlasse ich den Ballsaal. Mir kommt der Gedanke, dass es einer Großbaustelle geglichen hätte, wenn ich dort oben gesessen hätte. Gutes großartig machen, das ist die Kunst! Ich sollte mal wieder üben.

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