Von Selina Demtroeder
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Ein Konzertprogramm wie aus der guten, alten Sandwich-Küche: Zwei Klassiker rahmen schützend einen Zeitgenossen. Der Schweizer Komponist David Philip Hefti hat für die Flötistin Tatjana Ruhland ein großes Solistenkonzert geschrieben. Als sie auftritt, mit ihrer goldenen Querflöte, geht die Sonne auf im großen Saal der Heidelberger Stadthalle.

Es ploppt, es knackt, es flirrt. Klänge der Nacht breiten sich aus, eine schillernde Fläche aus vielerlei Orchesterfarben und -Geräuschen, sie scheint wie zum Zerreißen gespannt. Ruhlands Flöte schwebt darüber, sie zieht mit Glissandotönen Kreise in die Luft. Zwei Echoflöten stehen ihr zur Seite, sie sind  versetzt zu ihr aufgestellt, rahmen sie ein, und dieser Aspekt des Räumlichen wird auch von der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern unter der Leitung von Jamie Phillips weiter ausgebaut, stetig, klar und gerade in der Linienführung. Ein Klopfen pulsiert, von Holzkörper der Violoncelli bis zu den Kontrabässen. Ein federnder Akzent in den Bläsern wandert von links nach rechts. So werden die Hörer hineingezogen, ob sie wollen oder nicht.

Das Werk heißt „Media Nox“, es handelt sich um die dritte Nachtwache aus einem Zyklus von vier Stücken, in denen Hefti Zuständen des Wachseins und Träumens nachspürt. Er verlangt viel von der Solistin. Beeindruckend und schön, wie souverän Ruhland umgeht mit den neuen Spieltechniken, etwa mit Mikrotonalität und Multiphonics, bei denen zwei Stimmführungen gleichzeitig auf der Flöte zu hören sind. Und doch überfordert diese neue Komposition, die im Auftrag eines Sponsors für den Heidelberger Frühling entstand, die Hörer nicht. Sie ist spannend, man möchte sie ein zweites Mal erleben.

Begonnen hatte der Abend mit Joseph Haydns Symphonie „Le Matin“. Das Orchester spielt das Werk im Stehen, in der typischen Aufführungspraxis der Haydn-Zeit. Es tut sich etwas schwer mit reduzierter Besetzung, alter Spieltechnik. Kein Vibrato, keine Gnade. Sogar ein paar Unsauberkeiten sind zu hören. Nach der Pause wird dann, mal wieder, die Fünfte von Beethoven serviert.

Das Schicksal hat es diesmal ziemlich eilig! Plakativ gestaltet Jamie Phillips das Anfangsmotiv, die Pausen verkürzt, die Akzente knapp. Das nimmt den allseits bekannten vier Noten viel an Wucht und Tiefe. Mit Tempo und Energie geht es weiter, wie aus einem Atem, hier ist die Radiophilharmonie Saarbrücken ganz in ihrem Element. Am Ende der Entwicklung blüht das Orchester auf zu einem Forteklang, der sich gewaschen hat. Kein Wunder! Alle Kräfte werden aufgeboten, das Podium ist bis zum letzten Winkel mit Musikern besetzt, fast fällt jemand herunter. Und trotz oder wegen der schnellen Tempi löst diese c-moll-Symphonie, wie sich das gehört, das alte Gänsehautkribbeln aus: Immer noch ein tolles Stück!

Die Zugabe, eine Opernouvertüre von Frederick Delius kommt aus England, sie wird präsentiert mit Brexit-Witz.

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