Von Alexandra Ketterer
Posted: Updated:
0 Kommentare

Klingt die erste der Sonaten aus den „Letzten sieben Worten unseres Erlösers am Kreuze“ knallgrün? Der Licht-Techniker muss das wohl so gehört haben. Nachdrücklich schiebt er diesen Regler bis zum Anschlag, als das Quatuor Debussy in der Hebelhalle zu spielen beginnt. Brutal, Franz Joseph Haydn im Diskofieber! Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun…

Musik ist schwer zu greifen, sie in Worte zu fassen eine Kunst. Es gibt die verschiedensten Zusammensetzungen aus Grundton, Obertönen und Rauschanteilen, auch in der Popmusik, die simpler formatiert und verstärkt ist. In der klassischen Musik dagegen, unplugged, ist dieses Spektrum sehr viel größer. Grundton, Obertöne, Atmo, alles zusammen ergibt Klangfarben, die sich sortieren lassen. Zum Beispiel kann man, je nach Geigenbauer und Instrument, schon einen hörbaren, geldwerten Unterschied feststellen, und je nach Spielweise und Tagesform der Musiker weitere Nuancen. Mal ist die Farbe kräftig, mal zu dünn. Mal tief, mal komplex und manchmal sogar richtig aufregend. Ganz genau wissen das nur die Synästhetiker, die Ton und Farbe gleichzeitig fühlen können, weil beide Sinne bei ihnen neuronal miteinander vernetzt sind. Uns Normalsterblichen bleibt leider nichts weiter übrig, als Tendenzen zu erkennen, und das gelingt auch nur bei höchster Konzentration.

Deshalb, liebe Techniker, tauchen Sie Haydn bitte nicht in Knallfarben! Auch nicht Mozart oder Bach oder Stevenson. Sie verstopfen damit unsere Ohren. Nur auf schwarzem Hintergrund können wir die ganze Farbpalette hören.

Ähnliche Beiträge

Kirill Richter trägt gerne Rolli. Viele andere auch.

Der Komponist Kirill Richter folgt seinem inneren Kompass. Ein Konzertabend im Frauenbad

Sie sind erst achtzehn. Zwei Interviews mit den Kammermusik-Akademisten Noa Wildschut und Tony Yun.

Hinterlasse einen Kommentar