Von Lisa Schoen
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Manchmal gibt es keine Worte. Ein Konzert, das nur schwer zu begreifen ist. Igor Levit spielt die „Passacaglia on DSCH“. Sechsundachtzig Minuten Klaviermusik von Ronald Stevenson über eine Melodie aus vier Tönen, abgeleitet aus den Initialen von Dmitri Schostakowitsch. Das Stück, komponiert für das Edinburgh Festival 1963,  wird so gut wie nie gespielt. Es ist Schostakowitsch gewidmet, eine Hommage, Stevenson hat aus dem kurzen Motiv der Tonbuchstaben dreihundert gewaltige Variationen entwickelt, die einen in ihrer Komplexität und düsteren Farbenpracht wahnsinnig machen können.

Für Igor Levit ist es das erste Mal, dass er diese Komposition öffentlich aufführt, und er hat sie, wie er zugibt, selbst noch nie im Ganzen gehört, beim abschnittsweise Einstudieren noch nie einmal ganz durchgespielt. Levit ist beim Heidelberger Frühling, trotz seiner Jugend, schon zu einer Art Institution geworden, er leitet das Kammermusikfest und die zugehörige Akademie, außerdem kuratiert er das Format „Standpunkte“, und auch seine Levit’s Late Night, in der er Werke vorstellt, die ihm besonders am Herzen liegen, ist inzwischen Tradition. Bevor er zu spielen beginnt, spricht er ein paar Worte. Verweist auf Ferruccio Busoni, als den Fixstern Stevensons, der ein „Busonianer“ gewesen sei, und vor allem betont er seine Vorfreude auf dieses einzigartige, wie er sagt: „Jahrhundertmeisterwerk“.

Die Variationen bündeln sich in drei Abschnitte. Sie könnten unterschiedlicher in ihren Formen und Dimensionen kaum sein, die Dynamik reicht von zart Lyrischem bis zu brutaler Lautstärke. Das Passacaglia-Motiv d-es-c-h zieht sich durch eine Sonatenform, durch Tänze, eine Hommage an Johann Sebastian Bach. Vor dem Übergang zum zweiten Block taucht ein Kinderlied auf, eine klagende Volksweise. Levit lässt uns den leisen Kummer spüren. Kurz vor Ende bricht die Erzählung aus dieser Stimmung aus, ein scharfer Akkord bricht herein, den er so schneidend anschlägt, als sollte damit die Luft zerteilt werden. In der Fantasie zu Beginn des zweiten Teils steht der Pianist auf, er beugt sich ins Flügelinnere und streicht zart über die offen liegenden Saiten, eine neue, helle Farbe mischt sich ein. Es folgen Arpeggien, die sich zunächst vollständig entfalten, dann nimmt Levit den Fuß vom Pedal, die Finger bleiben liegen, die Akkorde tönen weiter wie aus der Ferne, aber immer noch stark genug, um den gesamten Saal zu durchdringen und jedes Ohr zu erreichen. Ein andermal beginnt der Pianist, auf die tiefsten offenliegenden Saiten des Flügels zu klopfen, es klingt wie ein unheimliches Grollen von Pauken. Mit der Tripelfuge am Ende des letzten Teils und dem abschließenden „Dies irae“ tut sich eine große Dunkelheit auf, die sprachlos macht. Es braucht einen starken Willen, ein Werk mit solchen Abgründen aufs Programm zu setzen. Ein Kraftakt. Für den Künstler, für das Publikum, für die Musik selbst.

Es gibt sicher nur wenige Künstler, die sich so weit vorwagen, wie Igor Levit. Er liebt es, Neues zu entdecken. Und alles, was er anpackt, hat eine zweite Dimension. Er tut es nicht für sich allein, seine Passion ist es, dem Publikum Einblicke zu geben in diese seine Welt, um auch anderen neue Perspektiven zu eröffnen. Schon mehr als einmal hat er den engen Kanon des Klavierrepertoires nachhaltig erweitert, unter anderem um Frederic Rzewskis „The People United“-Variationen. Jetzt folgen wir ihm in das nächste Abenteuer.

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