Von Peter Steinert
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Scheppern, Knallen, Brüllen. Äußerst Ungewöhnliches tönt aus der Heidelberger Stadthalle, Alexej Gerassimez und sein Ensemble sind zugange. Es geht ihnen um die Entstehung von Rhythmus und Schlagmusik.

Gerassimez ist ein junger, energiegeladener Perkussionist aus einer Essener Musikerfamilie, ein Star, der gerade die Szene neu aufmischt. Er spielt einfach alles, und komponiert noch dazu. In Werken von ihm selbst, aber auch in denen anderer Künstler erforschen die fünf jungen Schlagzeuger die „Genesis of Percussion“. Erstaunlicherweise finden sie sich dabei am Ende bei ganz alltäglichen Dingen wieder.

Ein Schnipsen, ein Treten, ein Klatschen. Vervielfacht und variiert erzeugen diese Urlaute eine komplexe Body-Percussion. Es mischen sich erste Werkzeuge wie Steine und Hölzer als neue Klangfarben hinein, bis schließlich Marimbaphon und große Trommel unüberhörbar die Ankunft in der klassischen Instrumentalmusik verkünden.

Unfassbar, was da alles auf der Bühne herumsteht, womit man Geräusche und Klänge hervorbringen kann! Nach der Evolutionsgeschichte geht es weiter mit experimentelleren Objekten. In „Soul of Bottle“ wird zum Beispiel auf einer Plastikflasche getrommelt. In „Aqua Musica“ stehen die Künstler vor großen, halbgefüllten Wasserschalen. Sie planschen, sie schrubben, sie waschen sich. Sie lassen das Wasser durchs Nudelsieb rieseln, einer steckt sogar den Kopf in die Schale und blubbert. Mit beeindruckender technischer Fingerfertigkeit entlocken sie den befremdlichsten Instrumenten Klänge, die ungeahnte musikalische Räume öffnen. Gerassimez erklärt es dem Publikum: Wie er seit seiner Kindheit in allen möglichen Alltagssituationen Musik gehört und erkannt hat, vom Klacken der Ampelschaltung bis hin zum Schnarren des Druckers des Freundes.

Überraschenderweise klappt das auch bei Maurice Ravel und seinen impressionistischen Klangteppichen. Statt auf dem Klavier wird „Ondine“ auf mehreren Marimba- und Vibraphonen gespielt. Teils zart, teils lautmalerisch, aber immer nett und poetisch klingen die Arrangements aus Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Kinderalbum op.39. Auch das achtstimmige Chorstück „Sleep“ des zeitgenössischen Komponisten Eric Withacres, mit seinen herrlichen Dissonanzen, verwandelt sich auf den Stabspielen in einen Tremolotraum. Danach gibt Gerassimez dem Publikum zu verstehen, es könne mitmachen. Erst zögerlich, dann aus jeder Reihe hört man es schnipsen, klatschen, rascheln. Wie von selbst wird der ganze Saal zu einem Instrument, es klingt erstaunlich echt nach einem sanften Regenschauer. Beeindruckend!

Vielleicht ist es ja tatsächlich so, wie Gerassimez sagt: Alles ist Rhythmus. Jeder Mensch kann damit etwas anfangen. Wir tragen ihn schließlich jeden Tag, jede Minute buchstäblich in unseren Herzen.

Wundersame Geschichten erzählen Alexej Gerassimez, Julius Heise, Lukas Böhm, Richard Putz und Sergey Mikhaylenko dem Publikum in „Genesis of Percussion”. Die Videoimpressionen dazu im Hintergrund wären nicht unbedingt nötig gewesen. Tobender Applaus, der sich nicht zufällig  schnell in rhythmisches Klatschen verwandelt.

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