Von Peter Steinert
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Musik ist eine Sprache. Sie erzählt Geschichten, für die wir keine anderen Worte haben. Am zweiten Tag der von Igor Levit kuratierten „Standpunkte“-Reihe trägt das französische Streichquartett Quatuor Tchalik eine lange Schubertgeschichte vor. Es geht um das Streichquartett Nr. 15 G-Dur D 887. Gleich zu Beginn taucht, wie ein Motto, eines der wichtigsten Schubertschen Stilelemente auf: ein sanft anschwellender Dur-Akkord, der plötzlich, wie aus dem Nichts, ins Moll umschlägt. Die ganze lange Quartettkomposition wird von diesem Wechsel des Tongeschlechts geprägt.

Zögerlich fragend, dann wiederum freudig verspielt wechseln Violine, Bratsche und Cello in der Rolle des Erzählers. Bilder von Freude und Leid füllen sich mit Leben, man spürt, wie lebendig man ist, man denkt an den Tod und daran, dass dies das letzte Streichquartett war, welches Schubert, der zu früh starb, komponiert hat. Melodiefarben und Tongeschlecht wechseln ständig. Im zweiten Satz etwas sanfter, im letzten Satz umso wilder, und irgendwann verliert man, als Zuhörer, den Durchblick, ob gerade Dur oder Moll die Überhand behält. Ob die Trauer auch fröhlich sein kann? Das Glück voller Leid? Ein echtes Durcheinander! Wie im wirklichen Leben eben.

Das Quatuor Tchalik – vier Geschwister, die trotz ihrer Jugend schon viele Preise gewonnen haben – spielt souverän, in klassischer Ausgewogenheit und mit elegant federnden Übergängen. Von Elegsnz kann dann in der zweiten Hälfte des Konzerts, bei dem mehr als ein Jahrhundert jüngeren Riesenwerk „Visions de l’Amen“ keine Rede mehr sein!

Olivier Messiaen hat dieses religiöse Epos für zwei Klaviere 1943 komponiert, als er aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, nach Paris. In sieben Kapiteln erzählt er, in Tönen, die Geschichte der sieben verschiedene Bedeutungen des christlichen „Amen“-Bekenntnisses, vom Schöpfungs-Amen über den Gesang der Engel bis zum Amen des Jüngsten Gerichts. Eine dank Quarten- und Quintenharmonik wohlgeordnete Musik, in der das choralartige Schöpfungsmotiv für Ordnung sorgt: kein Durcheinander, vielmehr erfüllt von Glockengeläut, Vogelrufen und Lebensfreude. Die Rollenverteilung der beiden Pianisten-Erzähler ist extrem variabel, die gesamte Klangpalette der Instrumente wird total ausgereizt. Auch spieltechnisch ist das eine Herausforderung, alles, was ein Klavier ausdrücken kann, kommt zum Einsatz. Während Markus Hinterhäuser an seinem Flügel in tiefen Lagen  wühlt, setzt Igor Levit auf der anderen Seite mit  höchsten Klängen feine Verzierungen. Purer Spaß, zu beobachten, wie auch mal Cluster dazwischen schlagen, einfach mit der platten Handfläche auf die Klaviatur gehauen. Es ist herrlich und überwältigend, am Ende denken wir uns: An diesem Morgen wurde beim Heidelberger Frühling mit Sicherheit keine Taste ausgelassen!

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