Von Leah Biebert
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Die HebelHalle ist in vollkommene Dunkelheit getaucht, bis auf ein Spotlight für den Schauspieler Sebastian Koch. Die Dinge, von denen er erzählt, sind bestürzend. Ein Selbstmordattentäter richtet letzte Worte an seinen zweijährigen Sohn, Koch verleiht Eltern seine Stimme, deren Kinder durch die Hand von IS-Kämpfern starben oder die von der eigenen Familie in den Dschihad geschickt wurden. Väter nahmen sich aus Verzweiflung das Leben, Mütter brachen zusammen. Dazwischen spielt das Quatuor Debussy die „Sieben letzte Worte unseres Erlösers am Kreuze“ von Joseph Haydn. Auf jede Geschichte folgt eine Sonata, ein Wort Christi.

Das Programm ist heikel. Die Festivalmacher schicken dem Konzert aus der „Standpunkte“-Reihe denn auch erklärende Worte voraus. Es gehe um Glauben, um die Essenz des Religiösen. Eine Text-Musik-Collage, die Haydns Passionsmusik mit  dem Testament von Mohammed Atta kurzschließt, darf man das?

Einsatz Haydn, Spotlight auf das Streichquartett. Nach dem klagenden Vorspiel wird es zarter und friedlicher, Meditationen wechseln mit leichteren, frischeren Passagen oder auch einem tänzerischen Pizzicato. Schade, dass die trockene Akustik der Halle all dem einen nüchternen Charakter verleiht, denn eigentlich  harmoniert das wunderschöne Spiel des Quatuor Debussy vorzüglich mit Kochs tief-sanfter Stimme.

Koch rezitiert die Texte weniger, als dass er Geschichten erzählt. Eindrücklich vermittelt er, worum es geht: Um Wahrheit und Vollendung, Nachfolge und Verheißung. In den Selbstzeugnissen islamistischer Attentäter kommen die zentralen Motive des Religiösen zum Ausdruck, die auch das Christentum prägen. Die Schreckszenarien werden durch die Musik keineswegs plakativ an den Pranger gestellt. Das Spiel des Quatuor Debussy bleibt schlicht, fast unbeschwert, es nimmt der prekären Kombination die Brisanz. Das siebte Wort, die siebte Sonate, endet versöhnlich mit einer beschwingt-fröhlichen Melodie: Das Paradies sei ein Reich der Liebe, in dem wir für immer zusammen sind.

Dann das Erdbeben, il terremoto. Die Offenbarung Gottes ist kurz und heftig, ein wildes Tremolo. Sebastian Koch liest aus dem Abschiedsbrief, den Ziad Jarrah am 10. September 2001 für seine Freundin verfasste, bevor er bei den Terroranschlägen von 9/11 ums Leben kam: „Ich werde dich immer lieben, bis in die Ewigkeit. Du sollst nicht traurig sein, ich lebe noch. Auf Wiedersehen.“

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