Von Alexandra Ketterer
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Kirill Richter denkt viel nach über die Zeit. Der junge Komponist aus Moskau entwickelt seine Werke oft aus einer metaphysischen Frage.

Er hat Physik studiert, außerdem Klavier, auch Mode-Design. Jetzt tourt er mit seinem neuen Album durch Europa. Im historischen Frauenbad präsentiert er „Chronos“, im Trio mit der Violinistin Alena Zinovieva und dem Cellisten August Krepak. Überall wurde sein minimalistisch-expressionistischer Stil groß angekündigt. Das klingt aufregend, stellt sich aber als ein bisschen eindimensional heraus.

Richter weiß, wie er mit seinen kreisförmigen Arrangements Geschichten erzählen kann, die klingen nur alle ziemlich gleich. Im ersten Stück, „Michigan 7“, beginnt das Violoncello mit einem energisch vorpreschenden Pattern, das Klavier nimmt das Motiv auf. Alle paar Takte verändern sich Tempo und Intensität, die Geige verstärkt die Harmoniewechsel mit schnellem Tremolo, den Schlussakkord stört sie mit einem schrillen, langgezogenen Bogenstrich. Auch das populäre Stück „Zeitgeist“, vielfach angeklickt auf Youtube, hat eine ähnlich repetitive Struktur, immer geloopt, immer mit abrupten Stimmungswechseln.

Beim Komponieren, sagt Richter, lasse er sich weniger von der musikalischen Form leiten als von der „kinematischen Logik“. Er hat auch schon einige Filmmusiken komponiert. Vor jedem Stück erläutert er dem Publikum, was ihn dazu inspiriert hat. Er stelle sich zum Beispiel die Zeit als eine Person vor, mit der man über jede Minute verhandeln muss. Oder: Er denke nach über seinen inneren Kompass, der ihn zu sich selbst führen könne. Die Kurzvorträge sind unterhaltsam, doch die simple Musik löst es nicht ein. Aber sie gefällt offenbar jedem. Sie scheint einen Nerv zu treffen. Pop- und Klassikfestivals buchen Richter gleichermaßen. Für den amerikanischen Sportsender Fox komponierte er mit „Where Angels Fear To Tread“ eine pathetische Fußballhymne. Sein Konzert in der Elbphilharmonie im Juni ist längst ausverkauft.

Die Zugabe hat Richter gemeinsam mit seinem Freund, dem experimentellen Musiker Volker Bertelmann geschrieben, der unter seinem Künstlernamen Hauschka auftritt. Wirklich neuartig ist das alles nicht.

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