Von Lisa Schoen
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Die Musik kommt wie das Essen, in Häppchen, dreimal für zwanzig Minuten. Was genau auf dem Speiseplan steht, wird nicht näher verraten. Nur so viel: „Werke von Nadia Boulanger, Camille Saint-Saëns, Claude Debussy und anderen“. Die Tea Time im Europäischen Hof ist ein Erlebnis für alle Sinne, zur Musik werden Tee und Kanapees serviert. Die Tische sind mit übergroßen Lilien geschmückt, und als die Kellner auch noch die Etageren verteilen, wird es fast unmöglich, sein Gegenüber zu sehen.

Ein süßer Duft erfüllt den Raum, die Musiker lassen auf sich warten. Der Kellner fragt, ob er die Blumen wegstellen soll, es geht höflich zu. Eine Besucherin nimmt sein Angebot erleichtert an, er straft sie mit Verachtung. Ohne die Lilien ist das Grandhotel gar nicht denkbar. Am Nachbartisch sitzen zwei quietschpinke Kostüme mit ihren Gatten. Man kokettiert miteinander, eine Dame reicht dem Herrn gegenüber lasziv das Programm. Es spielen: Theo Plath am Fagott und Aris Alexander Blettenberg am Klavier. Ihr egal. Ihm auch.

Tatsächlich spielt es keine Rolle: Die Tea Time ist ein schillerndes Bouquet. Wer das Glück hat, dabei zu sein, taucht ein in eine andere Welt. In die Welt der Cocktailsessel, der Kelche mit Champagner rosé und der blauen Maccarons. Gedämpfte Atmosphäre in erlesenem Interieur. Ein Mann reckt seinen Hals: „Sie waren doch letztes Jahr auch schon da!“

Ganz schön gewagt, dass die Musiker ihr Programm ausgerechnet mit „und anderen“ beginnen, mit der Fagottsonate von Daniel Schnyder. Neue Musik für Teetrinker? Das Ende kommt so abrupt, dass eine Dame mit lautem „Oh!“ in die Stille platzt. Pikierte Blicke, was für ein groteskes Stück. Aber schon bald hellen die Mienen sich wieder auf. Ein Glück, es folgen freundlichere Klänge. Und wozu die Etikette? Ein Salon ist kein Konzertsaal, ohne klapperndes Geschirr wäre der Nachmittag nur halb so schön.

Es lebe die Tafelmusik. Bis auf die Lilien, die duften einfach zu laut.

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