Von Leah Biebert
Posted: Updated:
0 Kommentare

Ein metallenes Sirren liegt in der Luft, es riecht nach Holz. Gespenstisch ragen die grauen Säulen empor, ins Dunkel hinein, bilden einen Gang. An der Stirnseite eine große Leinwand. „Steve Jobs, wie ein Prophet…!“ Der Mann auf dem Bildschirm, graue Haare, randlose Brille. Seine Stimme – erst kommt sie von vorn,  plötzlich erklingt sie hinten links – beschreibt einen Bogen, wabert durch den Raum. Dumpfes Wummern.

Schwarze Platten auf dem Fußbodengitter markieren den Mittelpunkt der Klanginstallation. Sechs Bildschirme hängen sich im Gang gegenüber. Eiswüste, Krater. Verschneite Bergspitzen. Eine Marslandschaft? Streicherklänge: Rameau. Sie verklingen mit einem eigenartig verzerrten Flimmern. Schwellen wieder an, ein einzelner Ton bleibt stehen, Obertöne kommen dazu. Ein elektrisch verschmiertes Glissando, dann staccatohaft elektroakustische Impulse. Das Klanggebilde blendet nach links weg. Und schwillt auf der rechten Seite wieder an, unangenehm durchdringend. „Ein Interface, das relativ einzigartig ist“, nennt Lukas Rehm, der Komponist des Projekts, das 4DSOUND-Raumklangsystem.

Bei Castor&&Pollux trifft elektronische Musik auf Barock: Wozu soll das gut sein?

 

Es gibt den Rameau und es gibt die Elektronik. Es gibt aber auch Interviewsequenzen, die vielleicht über das Musikalische hinausgehen und dann wiederum in ein anderes Medium der Dokumentation übergehen. Eigentlich ist es eine Gegenüberstellung.

 

Ihr nutzt dafür auch die Texte von Ray Kurzweil.

 

Das war tatsächlich einer dieser Fluchtpunkte. Da gibt es einmal den Mythos von Castor und Pollux, aber auch einen ähnlichen Mythos aus dem Silicon Valley von Ray Kurzweil mit der Singularity, der natürlich auch von vielen anderen vertreten wird. Das Narrativ ist vergleichbar: Castor ist sterblich, der andere der beiden Zwillinge, Pollux, ist unsterblich. Auch der digitale Zwilling hat eine andere Existenzform, als die physische. Und man weiß nicht, was danach kommt, nach dieser nächsten Stufe der technologischen Entwicklung, die uns prophezeit wird, oder auch nach der Transformation von Information.

 

Das futuristische Narrativ thematisiert die Vermischung von Mensch und Maschine. Was passiert musikalisch, wenn man Neues und Altes vereint?

 

Es gibt verschiedene Modi, damit umzugehen. Es ist ja nicht so, dass ich die Zukunft repräsentiere und Rameau die Vergangenheit! Das ist eine Gegenüberstellung, mit der wir jetzt auch spielen. Es gibt natürlich die Stimme, die aus dem System kommt, außerdem gibt es die analoge Stimme von den schwitzenden Körpern auf der Bühne. Wir haben für den Raumklang ein 4D-System, das eine Dynamik hat, die damals noch nicht vorstellbar war: Dass man Klänge sehr schnell von A nach B schicken kann, aber sich eigentlich im Raum nichts bewegt, sondern die Beschleunigung nur über das digitale Interface stattfindet. Gleichzeitig haben wir natürlich Körper, die sich bewegen. Dieses Wechselspiel macht es möglich, mit Alt und Neu zu spielen.

Du bist also nicht der Prototyp für den Komponisten der Zukunft?

 

Nee (lacht). Paul Oomen, der Erfinder des 4DSOUND-Systems, hat einmal sagt, dass dieses 4D-System eigentlich etwas ist, was man eh nicht wie ein Kind ab vier Jahren lernen kann. Tatsächlich ist es ein neu entwickeltes Tool, das nur ermöglicht wurde durch die technologische Beschleunigung in den letzten fünfzig Jahren. Es ist ein Interface, das relativ einzigartig ist. Vielleicht ist dies tatsächlich ein neues Tool für die nächste Komponistengeneration.

 

Wie groß ist angesichts Innovation und Multimedialität die Gefahr einer Überforderung für das Publikum?

 

Die gibt es immer, bei allen Sachen, die nicht minimalistisch arbeiten – wobei auch Minimalismus überfordern kann. Eine interessante Parallele gab es zum Beispiel in der Barockzeit, als man Jean-Philippe Rameau vorgeworfen hat, dass er mit nur einer Oper den Stoff für fünf Opern liefere. Es ist doch immer die Frage: Wer setzt das Maß? Wir fassen uns kurz, aber es wird trotzdem intensiv.

 

Warum hast du dich gegen die klassische Konzertsituation entschieden?

 

Ich habe Theaterwissenschaft und Kunstwissenschaft studiert, und von der Wissenschaft aus, die mich auch sehr interessierte, habe ich dann versucht, mich auch in anderen Formen auszudrücken. Und mir als Aufgabe gegeben, herauszufinden, ob man da auch so eine ähnliche Besessenheit entwickeln kann. Irgendwann habe ich mich mit der Art und Weise beschäftigt, wie Mathematik und Klänge zusammenhängen können und wie ein Geigenton aufgebaut ist, wie ich den graphisch darstellen und auseinandernehmen kann. Dann habe ich mich so ein bisschen auf das Digitale beschränkt. Bei so einem Projekt wie jetzt gibt es die Bühne, es gibt daneben auch Möglichkeiten, zum Beispiel mit einem Sänger zu arbeiten. Das habe ich hier zum ersten Mal gemacht: Eine Notation aufzuschreiben, für Sänger. Da macht man dann wieder die Schnittstellen auf.

 

Wie verhalten sich bei Castor&&Pollux Künstler und Publikum zueinander?

 

Intentionalität ist immer eine komplizierte Größe, wenn man Kunst macht. Aber man denkt natürlich nicht nur an sich selbst. Es gibt auf jeden Fall eine Beschäftigung mit Themen, die uns betreffen, und auch mit einer Geschichte, die uns vielleicht abholt. Uns war es auch wichtig, eine Geschichte zu erzählen und nicht einfach alles postdramatisch zu brechen. Es gibt ja unterschiedliche Erwartungshaltungen. Für manch einen wird das Element Rhythmik wichtiger sein als der intellektuelle Input. Ein anderer wird das vielleicht notwendig finden, um Rameau aushalten zu können, weil es ihm too much ist, Barock zu hören. Einen größeren Publikumskreis auch auf andere Formen der Kunst zu bringen, das ist auch eine Intention des Festivals. Wenn es gut geht, geht jeder raus und hat etwas Neues für sich entdeckt oder Altes bestätigt.

Ähnliche Beiträge

Markus Hinterhäuser, Pianist und Intendant der Salzburger Festspiele, kam nach Heidelberg, um mit...

Schubert trifft auf Messiaen beim „Standpunkte“-Konzert mit Markus Hinterhäuser, Igor Levit und dem...

Anne Cartel über Thierry Pecous Kompositionen.