Von Ida Hermes
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Sie durchstöbern Archive und Bibliotheken, studieren Spieltechniken und Originalhandschriften, spielen jedes Werk auf einem anderen Instrument. Die Musikerinnen und Musiker des belgischen Ensembles Anima Eterna Brugge sind auf das historische Spiel spezialisiert, mit Leidenschaft und Akribie. Beim Heidelberger Frühling haben sie ein Mendelssohn-Programm aufgeführt. Ein Gespräch mit Konzertmeisterin Daniela Helm, Flötistin Anne Pustlauk und dem Hornisten Martin Mürner.

Kommt man ins Frühromantik-Gefängnis, wenn man Felix Mendelssohn Bartholdy nicht auf historischen Instrumenten spielt?

Anne Pustlauk: Das ist eine sehr persönliche Sache, oder? Je nachdem, ob man gerne ein bisschen hinter Mendelssohns Kulissen schauen möchte oder nicht.

Sie begeben sich für jedes Werk auf die Suche nach geeigneten Instrumenten. Ist es anstrengend, so oft das Instrument zu wechseln?

Martin Mürner: Anstrengend ist es nur, auf einem Instrument zu spielen, das nicht zu dem Stil der Zeit und der betreffenden Region passt. Umgekehrt spielt es sich auch viel leichter, wenn man merkt, dass die Musik für das Instrument gemacht ist. Wir sind alle selbst dafür verantwortlich, ein geeignetes Instrument zu finden, das braucht immer viel Zeit und Recherche.

Was ist anders, wenn Sie die Musik auf den Instrumenten ihrer Zeit spielen?

Pustlauk: Es macht einen gewaltigen Unterschied! Die Instrumente haben sich mit der Zeit komplett verändert. Die Querflöte zum Beispiel ist von einem konischen Holzrohr mit nur einer Klappe zu einem Metallrohr geworden, zylindrisch, mit tausend Klappen. Man muss die alten Flöten ganz neu spielen lernen. Ist es bei der Geige eigentlich dasselbe?

Daniela Helm: Da ist es ein bisschen anders, aber…

Pustlauk: Also für uns Flötisten ist das eine komplett neue Welt!

Helm: Ihr habt dann auch andere Griffe?

Pustlauk: Ständig! Du hast für einen Ton auf der Böhm-Flöte einen oder zwei Griffe – Ich kann für ein und denselben Ton zwischen dreißig wählen. Damit verändert sich auch die Sicht auf die Musik. Ich kann den Klang nicht nur mit dem Ansatz verändern, ich mache das auch mit den Griffen. So bekommt der gesamte Orchesterklang eine andere Farbe! Und die Instrumente wurden damals an verschiedenen Orten ganz unterschiedlich gebaut. Heute sind sie viel genormter, das mindert die Klangvielfalt.

Helm: Die Streichinstrumente sind seit 1680 im Wesentlichen unverändert. Sie hatten allerdings in der Barockzeit einen anderen Hals-Ansatz, der wurde irgendwann modernisiert. Der Winkel wurde verändert, um einen höheren Saitendruck zu ermöglichen, und damit mehr Lautstärke. Das war nötig, weil auch die Konzertsäle immer größer wurden. Was nicht unbedingt heißt, dass diese Instrumente schöner klingen.

Wie viele Instrumente besitzen Sie eigentlich?

Mürner: Ich habe etwa fünfzehn verschiedene Instrumente. Nebenberuflich bin ich Restaurator für historische Blechblasinstrumente und frage manchmal Kunden, ob sie mir welche ausleihen. Viele Originalklang-Ensembles sind da weniger genau, sie spielen auf Instrumenten, die „ein bisschen alt“ sind oder alt aussehen und eigentlich völlig falsch sind. Für Mozart und Haydn kann es zum Beispiel gar nicht die richtigen Hörner geben, weil es ausschließlich Nachbauten gibt. Mit einem Kollegen von Anima versuche ich in einem Forschungsprojekt der HdK Bern zu beweisen, dass die Geschichtsschreibung bis heute falsch ist. Die Instrumente sind sehr anders, als wir bislang geglaubt haben.

Helm: Das Problem ist, dass man jedes Instrument wieder einspielen muss. Es lag ein paar Monate im Kasten und es braucht mindestens eine Woche, bis das Holz wieder richtig schwingt. Am Ende einer Probenwoche denke ich: Ah ja, jetzt ist es wieder gut!

Besteht eigentlich die Gefahr, dass Ihre Musik vor lauter Wissen künstlich klingt?

Pustlauk: Nein! Wir sind doch Menschen aus Fleisch und Blut! Wir haben natürlich diesen Rucksack, diese Fülle von Details. Wir sind aber keine Roboter, die nur genau das machen, was in der Partitur steht.

Mürner: Unser Wissen dient als Inspiration. Es gab in jeder Zeit einen Zeitgeschmack, eine bestimmte Art zu musizieren, die nicht festgehalten wurde.  Deshalb ist es wichtig, sich mit den Schulen von damals auseinanderzusetzen, vielleicht auch mit anderen Anleitungen zur Kunst jener Zeit. Und im Konzert lässt man dann los und musiziert. Wir spielen alle auch in anderen Orchestern. Dort geht es in der Regel darum, das Programm möglichst schnell perfekt abzuliefern. Das ist bei Anima Eterna anders. Die Arbeit ist unsere Leidenschaft.

Helm: Vorher haben wir einen gemeinsamen Weg zurückgelegt, das finde ich schön. Im herkömmlichen Orchester wird man irgendwann zu einem Dienstmenschen. Du kommst zu deiner Probe und spielst, was in den Noten steht. Du setzt dich nicht mehr auseinander, wirst zum Handwerker. Hier läuft es anders, das fasziniert mich. Nicht nur der Klang, sondern auch wie wir über die Musik reden. Es gibt nicht das eine richtige Horn, das ist doch auch witzig! Oder als unser Dirigent meinte: Wir haben alles auf dem falschen Flügel gespielt, wir müssen das nochmal machen. Da bleibt man wach.

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