Von Ida Hermes
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Markus Hinterhäuser, Pianist und Intendant der Salzburger Festspiele, kam nach Heidelberg, um mit Igor Levit vierhändig zu spielen. Nach dem Konzert baten wir ihn zum Gespräch mit Intendant Thorsten Schmidt.

Wieviel Risiko kann ein Festival-Intendant sich überhaupt leisten?

Thorsten Schmidt: Es ist unsere Aufgabe, Risiken einzugehen! Risiko gehört zum Festival, da gibt es eigentlich auch keine Grenze. Man sollte natürlich keine Dummheiten machen, aber man muss bei einem Festival Dinge wagen, etwas ausprobieren.

Markus Hinterhäuser: Der Heidelberger Frühling und die Salzburger Festspiele arbeiten mit ganz anderen Parametern. Wir legen in diesen fünfeinhalb Wochen in Salzburg 220.000 Karten auf, die Heterogenität unserer Besucher ist unermesslich groß. Ich muss dafür einen Rhythmus finden: Was wird, in einem intelligenten Sinne, absehbar funktionieren? Würde ich mich das nicht dauernd fragen, könnte ich ziemlich Schiffbruch erleiden.

Heißt das, Sie können kein größeres Risiko eingehen?

MH: Ich bin der Überzeugung: Wenn man ein Risiko eingeht, das klug und aufrichtig ist, wird einem auch Dank und Zuneigung entgegengebracht. Wenn man dagegen Risiken eingeht, nur um zu provozieren, ist das zu wenig. Einer meiner Lieblingsregisseure, Romeo Castellucci, hat neulich in einem Interview gesagt: Provokateure sind dumm. Das denke ich auch. Mir geht es, auf einer hohen reflektiven Ebene, um den sehr wichtigen Begriff des Skandals, und zwar im etymologischen Sinne, als „Skandalon“, als eine „Verführung“. Ich will etwas bewirken, etwas auslösen.

TS: Die Salzburger Festspiele haben erheblich mehr Jahrzehnte auf dem Buckel als der Frühling, sie sind auch völlig anders gewachsen. Was in Salzburg passiert, nimmt die ganze Welt wahr. Das Festival hat eine Vorbildfunktion, da wirken ganz andere Kräfte. Der Heidelberger Frühling ist hingegen immer noch dabei, sich zu finden. Hier möchten wir die Chance bieten, Dinge auszuprobieren, die ein Traditionsfestival nicht mehr so einfach machen kann. Wir arbeiten beim Frühling eben auch mit jungen, unbekannten Leuten zusammen, wir haben die Akademien und das Lab. Bei der Produktion von Castor&&Pollux hat nicht nur das künstlerische Team etwas ganz Neues ausprobiert, auch für das Festival ist es ein Experiment.

MH: Im Musiktheater herrschen außerdem ganz andere Gesetze als in Konzerten. Innerhalb der Monate oder Jahre, in denen so etwas wie eine Opernaufführung entsteht, können unglaublich viele unvorhergesehene Dinge passieren. Musiktheater ist Gesamtkunstwerk, da gibt es ganz, ganz viele Bausteine. Natürlich sieht jeder das Endresultat. Aber dieses Endresultat setzt sich – und das ist keine Rechtfertigung für ein Misslingen oder ein nicht so gutes Gelingen einer Produktion – aus vielen Elementen zusammen, die niemand so geplant hat. Niemand! Es passiert einfach. Und ist dann nicht mehr korrigierbar.

Wäre ein Projekt wie Castor&&Pollux auch in Salzburg denkbar?

MH: Ich kann dazu nichts sagen, ich habe es noch nicht gesehen.

Darf man fragen, wie viel die Sache gekostet hat?

TS: Sehr viel Mut aller Beteiligten!

Sind Sie schon mal gescheitert mit einem Projekt?

MH: Das liegt doch in der Natur der Sache! Scheitern ist ganz okay, wenn nur die Fallhöhe hoch genug ist!

TS: Ich muss aber auch gestehen: Es ist mit das Reizvollste an unserer Aufgabe, Fallhöhen auszuprobieren, ohne Angst. Und am Ende stehen wir da und wissen: Die Idee auf dem Papier war super, wir waren überzeugt davon. Nur, weil es nicht funktioniert, heißt das nicht, dass es zu hundert Prozent falsch ist.

MH: Außerdem brauchen manche Dinge ihre Zeit. Manchmal kann etwas sehr Schönes entstehen, wenn man eine Weile wartet. Da denke ich immer an Samuel Beckett: „Scheitern, wieder scheitern, besser scheitern.“

Können Sie ein Beispiel sagen?

MH: Müssen wir konkret werden? (lacht)

TS: Ich könnte kein konkretes Projekt benennen, bei dem ich sagen würde: Wir sind vollkommen gescheitert!

Wie viel Mut lässt der Kulturbetrieb zu?

MH:  Es geht nicht ohne! Sonst würden Kulturbetriebe ja völlig anachronistische Einrichtungen werden! Ich bin ein großer Anhänger der Überprüfung von Werken. Wir beschäftigen uns heute mit Werken, die im Barock geschrieben wurden, im Rokoko oder in der Romantik – wir leben aber nicht mehr in dieser Vergangenheit. Also müssen wir wissen und erkennen, dass die Perspektive, die wir auf diese Werke legen, nur unsere eigene Perspektive sein kann. Aber wenn man Mozart oder Beethoven nicht in ihrer Zeit lokalisiert, sondern aus einer heutigen Perspektive betrachtet – dann gilt das schon als Wagnis. Das ist wirklich verrückt!

TS: Wichtig finde ich ein Zitat, das ich von dir, Markus zum ersten Mal gehört habe: „Das Gedächtnis erwartet die Intervention des Gegenwärtigen.“ Ein Zitat von Paul Valéry. Genau das ist es!

MH: Stimmt! Intervention ist keine Kriegserklärung. Und das Gegenwärtige hat überhaupt nichts mit irgendwas Modischem oder Zeitgeistigen zu tun. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Zeitgeist und Geist.

TS: Was ist eigentlich der Job eines Intendanten? Er hat die Aufgabe, künstlerische Programme so zu verbinden, dass er das Publikum, das er erreichen will, auch erreichen kann. Das hat meines Erachtens relativ wenig mit Mut zu tun, sondern mit Überzeugung. Wenn man bei programmatischen Diskussionen überzeugt ist, dass etwas richtig ist, für diese Zeit, für die musikalische Sprache, die künstlerische Aussage – dann muss man das machen. Das kann ein Wagnis sein, es kann schwierig sein, aber meines Erachtens ist das nicht besonders mutig. Für mich ist es wichtig, die Identität dieses Festivals hier weiter zu entwickeln. Das eigentliche Wagnis besteht darin, nicht zurückzuschrecken vor den Aufgaben – immer mit eingeschrieben in die Aufgabe selbst. Es kann durchaus sein, dass das Publikum begeistert ist, man selbst aber enttäuscht, weil man weiß, was von dem, was man sich ursprünglich vorgenommen hatte, nicht ganz aufgegangen ist.

Herr Schmidt, heißt das, man darf auch mal unzufrieden sein mit sich?

TS: Ich glaube, wenn man anfängt, in unserem Job so etwas wie Zufriedenheit zu spüren, dann hat das etwas mit Gesättigtsein zu tun. Wer zufrieden ist, lehnt sich zurück, er guckt sich sein Werk an und sagt: Herrlich! So etwas ist wahnsinnig langweilig.

Herr Hinterhäuser, sind Sie auch manchmal nicht zufrieden?

MH: Ich glaube, es gibt diese Kategorie „Zufriedenheit“ überhaupt nicht in meinem Leben. Ich kann glücklich sein, wenn ich etwas Tolles gehört, erlebt habe. Dann zerspringe ich fast vor Glück.

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