Von Peter Steinert
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Wie es aussieht, haben Musik und Architektur einen ganz ähnlichen Wortschatz. Wohlbedachtes Maß und Regelmäßigkeit, harmonische Proportionen und Wiederkehr sind für die Klaviersonate der Wiener Klassik ebenso wichtig wie, zum Beispiel, für eine romanische Basilika. Mathematische Gesetzmäßigkeiten bilden jeweils das Fundament für den Bau eines neuen Werkes. In der Musik sind das Rhythmik, Harmonik oder Metrum. In der Architektur muss erst eine Menge Materie berechnet werden, bevor man sich um ästhetisches Ebenmaß kümmern kann.

Die Ergebnisse sind dann, egal ob es sich um ein alltägliches Bauwerk oder um ein Lied handelt, in ihrer jeweiligen Ausdrucksweise abstrakt. Denn zur Kunst wird Kunst erst dann, wenn sie mehr ist als nur praktisch zweckmäßig. Das zeigt sich beispielsweise bei einem Spaziergang durch die Frankfurter Fußgängerzone. Das Einkaufszentrum auf der Zeil bietet Platz für beinahe hundert Läden – und unabhängig davon erweist es sich mit seinem auffälligen gläsernen Tunnel in der Außenfassade als ein architektonisches Kunstwerk.

Was Raum und Zeit betrifft, gibt es jedoch große Unterschiede. Musik ist bereits in dem Augenblick vorüber, in dem sie erklingt. Bauwerke hingegen scheinen für die Ewigkeit gemacht zu sein. Es scheint banal und offensichtlich, dass wir noch heute mit Ehrfurcht die Pyramiden von Gizeh bestaunen können, die Musik der alten Griechen aber für immer verloren ist. Ist Architektur also beständiger? In gewisser Weise mag das stimmen. Dank der Erfindung der Notation und der Tonaufzeichnung sind wir zwar mittlerweile im Stande, Musik für die Nachwelt zu bewahren. Das sind große Errungenschaften. Dennoch bietet das Notenbild nicht viel mehr als nur den Bauplan für die Musik, eine CD-Aufnahme hält wiederum nur eine bestimmte Interpretation des Werkes fest. Es handelt sich in beiden Fällen um Teilansichten des Eigentlichen. Eine Kathedrale dagegen kann man zwar reproduzieren und fotografieren. Sie bleibt aber dabei doch mit sich selbst identisch und steht immer noch am gleichen Ort – es sei denn, sie wird von Bomben zerstört.

Auch hat Musik nur eine begrenztes Zeitkontingent zur Verfügung. Schuberts B-Dur-Sonate D 960, zum Beispiel, ist nach 47 Minuten vorbei. Doch liegt dem auch ein gewisser Zauber inne. Denn in dieser kurzen Spanne Zeit erschafft sich die Musik einen imaginären, nicht greifbaren Raum, den sie mit ihren Klängen füllt. Auch das unterscheidet sie von der Architektur. Außerdem: Jedes Bauwerk ist substantiell bedroht von Witterung oder Vandalismus. Dagegen wird die Musik durch ihre zeitliche Vergänglichkeit und räumliche Unabhängigkeit gewissermaßen unverwundbar gemacht.

In der Akustik treffen Architektur und Musik schließlich aufeinander. Hier streiten sich die Gelehrten. Und es zeigt sich, immer wieder neu: So ganz frei und unabhängig vom Raum kann sich die Musik am Ende doch nicht entfalten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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