Von Magdalena Hinterbrandner
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Das Hundertwasser-Haus wirkt heute wie ein gefrorenes „Bum-Bum“ aus der Hippie-Zeit. Oder doch eher wie ein starrer Akkord, dessen Töne als spitze Eiszapfen an der Dachrinne hängen ? Schopenhauer hat einmal behauptet, die Architektur sei nichts weiter als gefrorene Musik. Fragt sich, ob man das so sagen kann.

In jeder Kunst kommt es am Ende darauf an, Fantasie und Kreativität mit dem technisch Möglichen zu vereinen. Die Architekten haben zu kämpfen mit Statik, Haptik, Optik und der Schwerkraft. Die Musiker müssen klar kommen mit den Grenzen von Instrument oder Stimme, mit Akustik und Technik. Außerdem mit der Vergänglichkeit von Schwingungen. Musik ist der Spiegel der inneren Seele. Ein Ausdruck dessen, was nicht gesagt werden kann. Victor Hugo würde diesen Satz sofort unterschreiben.

Natürlich können auch Gebäude das innere Ich des Bauherrn oder Architekten spiegeln. Manche verkünden sogar eine Botschaft. Sie stehen fest und bodenständig vor dem Betrachter und schmettern ihm die ganze Wahrheit und Meinung ihres Schöpfers  entgegen. Monströs, gewaltig, still und tonlos. Wie, zum Beispiel: die Walhalla, bei Regensburg. Aber auch wenn ein Gebäude oder eine Skulptur unverrückbar scheinen, ist die Wirkung auf den jeweiligen Betrachter wandelbar und individuell.

Die Architektur fordert heraus zu einer Auseinandersetzung mit dem Ästhetisch-Schönen, aber manchmal auch mit dem gewollt Hässlichen. Das kann in der Musik genau so sein. Sie übermittelt Emotionen. Sie ist Überbringerin tiefster Gefühlslagen, Vertraute in Traumwelten, und sie kann zum Fluchthelfer werden, wenn man mal genug hat vom Alltag. Die einen lieben Arvo Pärt, die anderen Richard Wagner, wieder andere Beethoven oder Mahler: Jeder Mensch hat seine eigene Musik, bei der er sich zuhause fühlt.

Auch wenn wir unser Lieblingsmusikstück gut zu kennen glauben: Jedes ist, wenn es aufgeführt wird, erst- und einmalig. Musik ist wandelbar und flüchtig, niemals wiederholt sich eine Wiedergabe genau so, wie sie war. Das gibt den Musikern die Freiheit zur Interpretation und Individualität. Und wir fühlen und denken jedesmal neu mit, gehen durch innere Höhen und Tiefen, durch die seelischen Umarmungen der Rhythmen, Melodien und Harmonien. Allerdings braucht es, trotz dieser Wandelbarkeit, auch in der Musik Konzepte und Modelle, also quasi eine Architektur. Die Komponisten geben sie einander weiter, diese historisch gewachsenen Formen, zum Beispiel: Fugen, Rondos, Da Capos, Lied- oder Sonatenhauptsatzform, um sie zu verändern und manchmal zu zertrümmern.

Benjamin Britten hat einmal gesagt: „Komponieren ist, wie auf einer Straße in dichtem Nebel auf ein Haus zufahren. Langsam sieht man mehr Details – die Farbe der Schiefer und Ziegel, die Form der Fenster.“ Am Ende ist das „Haus“ des Komponisten vielleicht fertig, aber zugleich auch nicht fertig. Fixierte Noten brauchen das Zusammenspiel mit Interpretation und Rezeption: Die Kreativität des Komponisten, die kreative Darbietung der Interpreten, das kreative Mitfühlen und „Der-Musik-Entgegen“-Hören des Publikums – erst aus diesen drei Zutaten entsteht Musik.

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