Von Malte Hemmerich
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Wie klingen Meerestiefen? Das Ensemble Variances spielt beim Heidelberger Frühling das Stück „Outre-Mémoire“, eine Komposition ihres Pianisten Thierry Pécou. Im Gespräch erzählt Flötistin Anne Cartel, was das Werk mit dem Sklavenhandel zu tun hat und wie es ist, mit dem Komponisten zusammenzuarbeiten.

Anne, du wirst mit dem Ensemble Variances die Komposition „Outre-Mémoire“ von Thierry Pécou spielen. Wie würdest du den Charakter des Stücks beschreiben?

Es ist ein sehr tiefgründiges Stück, in dem es um den Sklavenhandel und die Überfahrt über
das Meer geht. Das ist ein Thema, für das Thierry Pécou sehr sensibel ist, denn er ist selbst
aus Martinique. Es ist ein einzigartiges Stück. Am Anfang taucht der Zuhörer ein in eine
Atmosphäre, die vollkommen speziell ist. Darin kommen Percussionsinstrumente vor,
die Muscheln ähneln. Und es gibt ein großes Klaviersolo, aber keine richtige Melodie. Nach
und nach entwickelt sich das Werk bis zu der Stelle, die „Grands-fonds“ heißt. Sie beschreibt
die Tiefe des Meeres und die Stellen darin, in denen Zeitlosigkeit herrscht.

Thierry wird selbst Klavier spielen.

Ja, mit sehr viel Energie. Die Musik von Thierry kommt aus dem Innern, er ist sehr
leidenschaftlich. Seine Musik hat mit Dingen zu tun, die tief in der Welt verankert sind.

Wieviel Freiheit lässt er den Musikern seines Ensembles bei der Interpretation ihrer Stimmen?

Man hat viel Glück, wenn man mit dem Komponisten zusammenspielen kann. Er gibt uns
Hinweise, die uns helfen, seine Musik zu verstehen. Aber wir dürfen auch selbst Dinge
vorschlagen. Zwischen dem Moment, in dem er sich etwas vorstellt und dem, wo wir ein
Konzert bereits mehrere Male gespielt haben, gibt es einen Spielraum, in dem Veränderungen
möglich sind. In diesem Zeitraum können wir ihm unsere eigenen Gedanken dazu vorstellen.
Er denkt dann darüber nach, findet sie interessant oder lehnt sie ab.

Was gefällt dir als Flötistin besonders an „Outre-Mémoire“?

Es ist eine Reise, eine Vorstellungswelt, die sich nach und nach entwickelt. Der Kontakt, den
wir dabei zum Publikum haben, ist ganz essentiell.

Und was war für dich besonders schwierig?

An manchen Stellen ist die Musik sehr virtuos und gleichzeitig sehr tragend. Das heißt, dass
man sehr viel Klang erzeugen, dabei aber auch sehr frei sein muss.

Gibt es eine Einspielung, die man sich vor oder nach dem Konzert anhören sollte?

Jeder Musiker hat seine eigene Interpretation. Möglicherweise kommt man dem Stück am
nächsten, wenn man sich etwas anhört, das dem Universum des Komponisten entspricht. Aber
das Stück wird vor allem live gespielt und nicht notwendigerweise eingespielt.

Anne Cartel

Anne Cartel studierte Flöte am Konservatorium Genua unter Maxence Larrieu sowie am Pariser Konservatorium. Während ihrer Karriere als Solistin, Kammer- und Orchestermusikerin tritt sie regelmäßig mit dem Philharmonischen Orchester von Radio France, dem Ensemble Orchestral de Paris sowie an der Pariser Oper auf. Außerdem ist sie Mitglied des Ensemble Variances, das 2019 vom französischen Komponisten und Pianisten Thierry Pécou gegründet wurde. Beim Heidelberger Frühling kommt seine Komposition „Outre-Mémoire“ zur deutschen Erstaufführung.

© Ensemble Variances

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