Von Felix Kriewald
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Neunzig Minuten Musik mit einer viertönigen Grundlage: Ronald Stevenson hat mit seiner „Passacaglia on DSCH“ ein beinahe unspielbares Klavierepos geschaffen. Igor Levit stellt sich der Herausforderung und erzählt, warum er es spielt.

Wie bist Du auf das Werk gestoßen?

Über meinen Lehrer Matti Raekallio, das ist schon zehn Jahre her. Stevenson hat einige Paraphrasen für Klavier geschrieben, die ich gespielt habe. Letztes Jahr hab ich dann entschieden, diese Passacaglia zu spielen, ohne mir im Klaren zu sein, was das eigentlich heißt. Und jetzt spiele ich mir echt mein Hirn blutig. Aber ich bereue es keine Sekunde.

Wie geht man an so ein Monumentalwerk heran?

Es ist wirklich eine Mentalkatharsis. Ich glaube, ich werde es im Konzert zum ersten Mal ganz durchspielen. Ich versuche mir beim Üben klar zu werden, wo ich überhaupt anfange. Ich habe immer das Gefühl, irgendetwas nicht zu schaffen. Aber ich will auch nicht nur über die technischen Anforderungen reden. Das ist in meinen Augen ein Jahrhundertmeisterwerk, es steht für mich über allem. Am Ende des Tages ist mir der Weg dahin und der Preis, den ich zahle, herzlich egal.

Du hast Dich vor einigen Jahren schon einmal einem ähnlich wahnsinnigen Variationenwerk gewidmet: „The People United“ von Frederic Rzewski. Was reizt Dich daran?

Ich liebe Variationen. Mich reizen Werke, die ein ganz starkes Narrativ haben, die auf direkte Weise erzählen. Da kommen tausend Dinge zusammen.

Bringt dich der Stevenson an deine Grenzen?

Ja. Ich lerne meine Grenzen gerade neu kennen.

Gibt es eine kompositorische Raffinesse, die Dir nur in diesem Werk begegnet ist?

Die Raffinesse, aus nur vier Tönen neunzig Minuten sozusagen „Goethes Faust“ in Musik zu setzen. Das ist einzigartig.

Wie schafft Stevenson es, aus den vier Tönen d – es – c – h so viel herauszuholen?

Das hört ihr dann im Konzert. Es ist ein sehr balladenhaftes Stück, einige Abschnitte tragen Titel, es gibt enorm viele Zitate, politische Passagen, es geht um den Holocaust, um Lenin, um Afrika… es ist im Grunde ein weltumspannendes Stück. Es ist, als müsste ich „Krieg und Frieden“ alle vier Seiten neu lesen.

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