Von Felix Kriewald
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Geigerische Gipfellandschaft: Tianwa Yang spielt beim Heidelberger Frühling im Mittagskonzert die Sonate Nr. 2 a-moll von Eugène Ysaÿe. Das Ganze umrahmt von den Partiten Nr. 2 und 3 von Johann Sebastian Bach – ein schwindelerregendes Soloprogramm. Im Gespräch erzählt Yang, warum sie die Werke ausgewählt hat und wieso Ysaÿe kein Virtuose ist.

Was reizt dich so daran, solo zu spielen?

Es ist ein tolles Gefühl, auch alleine auf der Bühne zu stehen. Also, ich liebe auch die Kammermusik: gemeinsam etwas Tolles zu erleben. Aber allein hat man ein schönes Einsamkeitsgefühl. Das Gefühl, allein einen Raum füllen zu können. Sowohl Johann Sebastian Bach als auch Eugene Ysaÿe haben viele Momente, die zum Meditieren oder Nachdenken anregen und das genieße ich sehr.

Die Sonaten von Ysaÿe klingen stark nach Bach. Wie genau macht er das?

Die erste Sonate in g-moll ist noch sehr an Bach angelehnt, insbesondere die Satzstruktur. In der zweiten Sonate geht Ysaÿe dann trotz der Zitate schon neuere Wege, er befindet sich noch in dem Bach-Raum, aber er sucht die Tür, um herauszubrechen und etwas Neues zu probieren. Ab der dritten Sonate hat er dann seinen eigenen Stil gefunden. Aber ich glaube, es ist sowieso fast unmöglich, nicht an Bach zu denken, wenn man Solovioline hört.

Durch die gesamte zweite Sonate zieht sich eine Reihe von Variationen auf das „Dies irae“-Motiv. Wie schafft Ysaÿe es, diese Melodie inmitten virtuoser Ausbrüche so deutlich in Szene zu setzen?

Das weiß ich auch nicht, ich finde es so genial. Ysaÿe war einfach ein unglaublicher Geiger, nicht nur technisch, sondern auch musikalisch. Man hört vor allem in dieser Polyphonie, was auf einer Geige möglich sein kann. Ich glaube, er war der Erste, der Akkorde mit sieben Töne für die Geige geschrieben hat. Er baut dieses „Dies irae“-Motiv so geschickt in allen vier Sätzen ein und lässt es dabei noch rhapsodisch wirken – eine unglaubliche gute Mischung.

Die Werke Ysaÿes gelten als Königsdisziplin für jeden Geiger. Wie wichtig ist die Technik?

Natürlich sehr wichtig. Die Stücke müssen letztendlich so klingen, als ob sie nicht schwer wären, sonst ist der Sinn der Musik nicht erfüllt. Im Gegensatz zu Wieniawski oder Paganini ist Ysaÿe für mich kein Virtuose, er will den Hörer nicht zum Staunen bringen. Seine Musik ist hochkomplex und philosophisch, so gut durchdacht und dennoch frei. Man muss die Technik beherrschen, um während des Spielens nicht mehr darüber nachzudenken und musikalischen Sinn und die Vielstimmigkeit herausbringen zu können.

Woran arbeitest Du bei der Interpretation am härtesten, gibt es da besondere Aspekte?

An der Vielstimmigkeit: Das ist bei allen sechs Sonaten so. Selbst wenn es, wie im ersten Satz, keine Doppelgriffe gibt, dann ist er doch trotzdem voll versteckter Polyphonie. Das ist die größte Herausforderung, dass es auch ohne Doppelgriffe wie zwei, drei Geigen gleichzeitig klingt.

Du hast alle sechs Solosonaten aufgenommen. Was macht deine Einspielung so besonders?

Dieser Sonatenzyklus hat mich schon mein Leben lang begleitet. Ich wollte ihn schon spielen, als ich die Technik noch gar nicht hatte. Die Stücke sind so schwer, mir fällt spontan keine Aufnahme ein, bei der ich sagen kann: Das ist von vorne bis hinten perfekt. Mit irgendetwas bin ich immer nicht einverstanden. Ich glaube, das geht allen so, die sich so intensiv mit einem Werk beschäftigt haben, dass man so eine fixe Idee und einen persönlichen Geschmack entwickelt hat, da ist es einfach schwer. Auch bei meiner Aufnahme von 2012 würde ich heute einige Sachen anders machen, man entwickelt sich ja immer weiter.

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