Wie wollen wir leben? Das ist das Motto des Heidelberger Frühling 2019. An dieser Stelle berichten wir, wo uns Gedanken dazu im Festivaltrubel über den Weg laufen.

Acht Stunden Achtsamkeit
Leah Biebert
Redaktionssitzungen, Pressetermine, Podiumsdiskussionen, Preisverleihungen. Wieder ein Interview abgesagt: Umplanen, Zeitdruck. Hektik. Hetzen, durch die Texte beim Redigat, von einem Veranstaltungsort zum nächsten, durch den Tag. Dazwischen ein Kaffee für Unterwegs, im Wegwerfbecher, schnell ein Brötchen zum Mittagessen. Abends ins Konzert, der Tag wird wieder lang, bereits morgen früh ist Deadline für die nächste Kritik, dabei gab es letzte Nacht schon so wenig Schlaf, die Kollegin hatte sogar noch zwei Stunden weniger. Dunkle Ringe unter den Augen, Rückenschmerzen von der Arbeit am Computer. Schnell ein nach unten blickender Hund, ein halbherziger Versuch, aber besser als nichts, für einen Sonnengruß ist keine Zeit.
In der sonnendurchfluteten  Heidelberger Jesuitenkirche kreist sanft  das gläserne Kreuz am Ende des Kreuzgangs, es schillert in Regenbogenfarben. Aus den Lautsprechern im Kirchenschiff erklingt das „Spem in alium“ von Thomas Tallis und füllt die Kirche mit besinnlichem Klang, eine gewaltige, tiefgründige Komposition. Jede Stimme wird einzeln eingesungen und wieder abgespielt, acht Stunden lang, bis um Mitternacht der letzte Akkord erklingt und das vierzigstimmige Werk vollendet ist. Acht Stunden lang jeder einzelnen Stimme nachhorchen, am Kompositionsprozess teilhaben. Melodien verfolgen, Motive entdecken, Strukturen aufschlüsseln. Die Akustik des Raums in sich aufnehmen. Die Musik wirken lassen, geborgen im Wohlklang. Entschleunigung. Konzertbesuche sind das Yoga der Musikjournalisten.

Lärm braucht der achtsame Mensch

Magdalena Hinterbrandner

Achtsamkeit, darüber reden jetzt alle. In Einklang mit sich kommen, den eigenen Flow finden, zwischen Work und Life balancieren. Mit den richtigen Ratgebern schwebst du im Nu ausgeglichen durch den Alltag. Einmal durchgelesen, zack, und schon stimmt der Flow. Du magst dich selbst, hast deine innere Ruhe gefunden, lächelst der Welt und deinen Mitmenschen entgegen.

An manchen Schulen ist Achtsamkeit bereits ein Unterrichtsfach. Damit schon die Kinder total relaxt in die Pause gehen. Ein Foul beim Fußballspiel? Ach was, eine Schlägerei ist nicht zu befürchten, hier holt sich keiner eine blutige Nase. Aggression, Wut? Nicht bei uns.

Es geht aber auch ohne Ratgeber. Die Kunst der Gelassenheit lässt sich zum Beispiel mit dem Percussion-Ensemble von Alexej Gerassimez bestens trainieren. Deren Heidelberger Konzert „Genesis of Percussion“ dürfte nicht nur die Kids dazu inspirieren, genau wie die Musiker auf allem rumzuhauen, was gerade im Weg steht. Töpfe, Regale, Eimer, Tonnen, alles was scheppert. In jedem von uns steckt ein Kind, das Krach machen will. Etwas Lärm braucht der Mensch, gefolgt vom behutsamen Klang des Marimbaphons. Musik kommt von Achtsamkeit – und schon stimmt der Flow.

Was das Handy nicht erfasst

Selina Demtröder

Erinnerungen horten. Einen flüchtigen Moment festhalten. Frei nach Faust: „Verweile doch, du bist so schön!“ Unsere Zeit hier auf Erden ist schließlich begrenzt.

Eine Frau in der vorletzten Reihe hält ihr Handy hoch, um Kathia Buniatishvili bei der Zugabe zu filmen. Nach einem mahnenden Schulterklopfen erlischt der bläuliche Bildschirm wieder, aber an anderen Plätzen, überall im Saal, leuchten neue auf.

Wieso reicht es nicht mehr aus, den musikalischen Augenblick im Konzert bewusst zu erleben? Wozu ein Duplikat?

Die Pianistin Buniatishvili hat einen großen Fanclub. Wer so eine Berühmtheit live erleben darf, der will das doch mit Freunden teilen! Noch schöner, dass man selbst dieses Highlight gebunkert hat, für alle Ewigkeit. Man kann es sich immer wieder angucken. Macht man zwar nie, aber sicher ist sicher.

In der Musik wie im restlichen Leben sind es aber eigentlich doch gerade die Flüchtigkeit und die Unwiederholbarkeit, die einen Klang oder ein Erlebnis wertvoll machen. Der Augenblick wird auch nicht reicher dadurch, dass man ihn konserviert. Im Gegenteil. Was zählt, ist die Inspiration. Und was ein Musiker sich denkt, kann die Handykamera sowieso nicht erfassen. Aber man kann es erspüren. Und in Worten beschreiben – auch wenn das schwierig ist.

Ich persönlich würde mir lieber erzählen lassen, wie das Konzert war und was es mit den Hörern gemacht hat.

How to live? Erinnerungen horten, it is! Vielleicht aber lieber in Herz und Hirn, als in einem elektronischen Erinnerungsspeicher.