Was passiert in der Konzertpause und wozu ist sie gut?

 

Karl Ludwigs Pause am 15. April

Pausenlos

Schaulaufen

Die Vor- und Nachzüge der Pause wurden an dieser Stelle schon vielfältig beleuchtet. Klogang, Piccolöchen, eine Brezel. Und wozu, wenn nicht zum kronbeleuchteten Schaulaufen, sollten die schönen Roben dienen? Blöd nur, wenn die Pause ausfällt. Da sitzt man dann in seinem neuen Kleid und der Hose mit frischer Bügelfalte, kann nach einer Stunde nicht mehr stillhalten und zerknittert seine Garderobe, nur um nach dem Konzert den Saum des Kleides beim Einsteigen ins Taxi zu beschmutzen.

Statik

Viele Konzerte der letzten Woche haben auf die gute alte Einrichtung der Pause verzichtet. Maßgeschneiderte Programme, die die einzelnen Sätze eines Werks über den ganzen Abend verteilen und mit anderen ausgewählten Perlen verbinden, beschreiten die klassische Brückenform. Deren Stabilität ist erschüttert, wenn statt einem kompakten Schlussstein die profane Leere eines Sektglases stünde.

Pause ohne Pause

Was also tun? Den Flachmann in die Jogginghose und mustergültig die work-life-balance halten? Wandelkonzerte, in denen die schönen Kleider auch während des Spiels begutachtet werden können? Warum nicht auf das Geschehen achten – denn was wäre schließlich Musik ohne Pausen!?

Roman Lüttins Pause am 14. April

Wir sind auch Selbstklinger

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Die Gesellschaft ist in Beschleunigung. Rastlos, hektisch, nervös sind wir auf der Suche nach Momenten der Ruhe – und nach Resonanz.

Der Soziologe Hartmut Rosa liefert uns in seinem Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ einen Vorschlag, wie man Entschleunigung erfahren und zugleich in Beziehung treten kann mit dem, was uns umgibt: Resonanz, so Rosa, beschreibe als akustische Metapher eine gesellschaftspolitische Utopie: Klangkörper schwingen, Frequenzen treten in einen Austausch, und wir selbst sind schwingendes Instrument, werden von der Gegenseite in Bewegung versetzt. Ganz plötzlich stehen unsere Beziehungen zur Disposition, zu Fremdem, aber auch zu uns selbst.

Wir gehen in Konzerte, um uns zu entspannen und/oder um berührt zu werden. Im besten Falle treten wir in ein resonantes Verhältnis, natürlich mit dem Orchester und dem Publikum, aber auch mit dem Saal, den Ritualen, der ganzen Welt. Dann ist Pause. Erschöpft von dauerhafter Schwingung, überflutet von Frequenzen, plaudern wir los. Und suchen erneut Resonanz, mit dem Sitznachbarn oder mit dem Personal an der Bar. Endlich reden, nicht nur zuhören! Und wo bleibt der Platz für den Nachklang? Gilt es nicht, die eigene Stimme zu behalten, aber auch den anderen sprechen zu lassen? Nur so kann Harmonie entstehen.

Simeon Holubs Pause am 13. April

Gefühlte Pausenwahrheit: Brotzeitkonzert

  • Brotzeit
  • Konzert

Nachdem Monteverdis Vesper einen hungrig zurück ließ, wird die Vesperplatte beim Brotzeitkonzert endlich eingelöst. #HDPausenbrot

Sophie Behas Pause am 12. April

Gefühlte Pausenwahrheit: Gesprächsthemen

  • Kloschlange
  • Frühling
  • Programm
  • Enkelkinder
  • Musik
  • Künstler

Werner Kopfmüllers Pause am 11. April

Georg Kreisler wusste ganz genau, wonach dem Opernpublikum in der Zeit zwischen zwei Akten der Sinn steht.

Oder wahlweise, für die Fleischverzichter:

„Wie schön ist es, in einen Käse zu beißen
Und gleichzeitig Opern zu verreißen!“

Bleibt festzuhalten: Wer nicht flugs den Nachhauseweg antritt, stopft sich genüsslich den Magen und zerreißt sich rückhaltlos das Maul. Wohl bekomm’s! Stellt sich nur die Frage, was die vornehmen Herren und Damen wohl täten, wenn statt der Walküre die Salome gegeben wird. Ein schnöder Einakter, der all die lukullischen Pausengenüsse zunichte macht!

Derlei Gedankenspiele wollen wir an dieser Stelle verlassen, um zum Abschluss der Heidelberger Liedakademie mit Franz Schubert innezuhalten.

Ist es das Ende meiner Liebespein?
Soll es das Vorspiel neuer Lieder sein!

Neue Lieder erwarten uns ab heute im Neuland.Lied — und natürlich weiterhin anregende Gespräche bei Brause, Wurst und Käse. Die nächste Pause kann kommen!

Sebastian Herolds Pause am 10. April

Wer „Pause“ macht, legt nach der griechischen Wortherkunft παῦσις (paūsis) eine „Rast“ ein. Doch während man sich in der Großen Pause vom Lernen, in der Mittagspause vom Arbeiten und in der Verschnaufpause vom Sportmachen erholt, ruht man in der Konzertpause aus … vom Sitzen? Und statt nach der Rast weiter zu lernen, zu arbeiten oder zu sporteln, tankt man hier seine Energiespeicher auf, um danach … noch mehr zu sitzen?

Okay, es wird ja auch noch Musik gespielt, auf die man sich irgendwie auch ein bisschen konzentrieren muss. Aber wieso braucht man davon Erholung?

Natürlich kann auch ein Konzerterlebnis enorm anstrengend sein. Aktiv der Musik entgegenhören kann härter und anspruchsvoller sein als mancher Arbeitstag. Mental, manchmal auch körperlich. Kommt ganz auf die Musik an – und auf Sie. Entlohnt wird die Anstrengung im besten Fall mit ungeahnten Erfahrungen, Empfindungen und Erkenntnissen. Außerdem gilt selbst für die beste Musik: Die Dosis macht das Gift.

In diesem Sinne: Gute Erholung!

Silja Meyer- Zurwelles Pause am 9. April

Ein Wimmelbild erster Eindrücke

In der Pause findet manchmal schon die erste Musikkritik statt

Ein Glas Prosecco, ein kurzer Wortwechsel über das Gehörte mit Bekannten, ein schneller Gang zur Toilette: Damit befassen sich Konzertbesucher in aller Regel in der Pause. Meist auch genau in dieser Reihenfolge. Bei großen Festivals wird die Pause außerdem auch noch dazu genutzt, die neuesten Roben – schrill oder elegant, auf jeden Fall teuer – vorzuführen. Und manchmal kommt es zu ernsthaften Zwiegesprächen unter den ersten Kritikern, im Publikum.

„Der Konzertmeister hat ja eine furchtbare Haltung!“; „Der Dirigent ist so klein!“; „Aber der Ton der ersten Oboe ist doch unvergleichlich schön!“; „Hat euch die Violetta auch so gut gefallen?“

Konzertpausen könnten die perfekte Vorlage für ein Wimmelbild sein, wie es zum Beispiel in Kinderbüchern von Ali Mitgutsch zu finden ist: lauter Menschen laufen hin und her und machen dies und das. Hunderte erste Eindrücke werden ausgesprochen. Die Pause könnte aber auch als ein ganz eigenes Konzert des Publikums aufgefasst werden, als Wort- und Geräuschkonzert: Endlich hat der Hörer die Gelegenheit, sich Luft zu machen, nach stundenlangem Stillsitzen.