Von Jesper Klein
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Kleine Programmänderung mit großer Wirkung: Statt Kaija Saariahos „Jardin Secret II“ spielt der iranische Cembalist Mahan Esfahani am 21. April in Heidelberg das Stück  „Piano Phase“ von Steve Reich. Es ist jenes Werk, das Esfahani letztes Jahr berühmt gemacht hatte. Bei einem Konzert in der Kölner Philharmonie war es zu einem Skandal gekommen. Saariahos Stück hätte zusätzliche Technik erfordert, die für den Veranstalter mit höheren Kosten verbunden gewesen wäre. Esfahani erklärte sich deshalb bereit, das Programm zu ändern und auf „Piano Phase“ auszuweichen. Das ist zunächst nicht weiter schlimm. Es ist sogar normal. Es ist, wie so oft, eine Frage des Geldes. Aber es ist doch schade um Saariahos mystisch-rhythmisch-rustikale Komposition:

Esfahanis Heidelberger Festivalkonzert am Freitag dieser Woche steht in der Konzertreihe „Erzählungen“. Dieser Titel verweist implizit auf das Motto „In der Fremde“, denn der Musiker, geboren in Teheran, verschrieb sich ausgerechnet jenem Tasteninstrument, das außerhalb Europas kaum gespielt wird. Üblicherweise verbindet man das Cembalo mit Barockmusik und mit der historisch informierten Aufführungspraxis. Für die Aufführung von Neuer Musik spielte das Instrument lange Zeit keine nennenswerte Rolle. Wieso hat sich das in den letzten Jahren geändert? Wieso blickt die neue Musik zurück zur alten Musik? Ist es Teil des Retrotrends? Das wäre doch mal eine erzählenswerte Geschichte! Aufgrund der Programmänderung aber rückt nun erneut wieder der Kölner Skandal in den Vordergrund.

Damals hatte das von Beginn an unruhige Publikum den Musiker, der Englisch spricht, bereits nach seiner ersten Ansage aufgefordert, doch gefälligst Deutsch zu sprechen. Nach nur vier Minuten von Steve Reichs „Piano Phase“ gab es Zwischenrufe und Tumulte, die schließlich zum Abbruch des Konzerts führten.

„Piano Phase“ ist Minimal Music für zwei Klaviere – oder, wie im Falle Esfahani, für ein Cembalo und Tonband. Rund fünfzehn Minuten lang erklingt ein aufgebrochener h-Moll-Dreiklang. Das, so könnte man meinen, sei langweilig. Mitnichten! Der Clou: Im Laufe des Stücks verschieben sich die beiden Stimmen gegeneinander. Es sind auskomponierte Interferenzen. Kann dieses vor fünfzig Jahren komponierte Werk heute wirklich noch so schockierend schräg wirken, dass das Publikum derart die Contenance verlieren müsste?

Eher unwahrscheinlich. Falsche Erwartungshaltungen mögen bei diesem Kölner Eklat ebenso eine Rolle gespielt haben wie ein überwiegend konservatives Publikum oder latenter Rassismus. Oder es kam etwas von allem zusammen. Wie das häufig so ist: Zufällig treffen ein paar Faktoren zusammen, die dazu führen, dass eine Situation eskaliert. Das gab es in der Musikgeschichte häufig. Sehr häufig.

Le sacre du printemps, Paris, 1913

Einer der prominentesten Skandale ereignete sich am 29. Mai 1913. Es war der Tag der Uraufführung von Igor Strawinskys Ballett „Le sacre du printemps“ im Théâtre des Champs-Élysées. Im August 1911 hatte Sergei Diaghilew, Impresario der in Paris Furore machenden „Ballett Russes“, diesen Kompositionsauftrag an Strawinsky vergeben.

„Wird es lange so bleiben?“, fragte Diaghilew einst Strawinsky. Dessen Antwort: „Bis zum Ende, mein Lieber.“ Und genau das war zu viel für das Pariser Publikum! Es war weniger die Musik als die Choreographie, die den Skandal auslöste. Die Pariser waren klassische Ballette mit Spitzentanz gewohnt. Nijnskys Choreographien jedoch hatten schon immer einen Hang zur Exzentrik.

Für das geübte Auge waren alle Voraussetzungen eines Skandals erkennbar: ein mondänes Publikum, dekolletiert, mit Perlen, Reiher- und Straußenfedern angetan. Und Seite an Seite mit den Fräcken und Federn die Jacken, Kopftücher, ostentative Lumpen jener Klasse von Ästheten, die wahllos alles Neue bejubelten, um ihrem Hass auf die Logenbesitzer Ausdruck zu geben

Jean Cocteau

Es hagelte Proteste, Pfiffe und Gelächter.

Gebt ihr bald Ruhe, ihr Nutten aus dem Sechzehnten?

Florent Schmitt, französischer Komponist und Bewunderer von Strawinsky

Schließlich musste die Polizei eingreifen. Die Aufführung wurde trotz allem zu Ende gespielt. Und, noch eine Faustregel für Skandale: Bald hatte sich das Publikum an das Neue gewöhnt. Die folgenden Vorstellungen waren stets ausverkauft und ernteten großen Beifall.

Watschenkonzert, Wien, 1913

Im selben Jahr hatte auch in Wien ein Skandalkonzert für Aufruhr gesorgt. Die Aufführung im Wiener Musikverein am 31. März ging als „Watschenkonzert“ in die Geschichte ein. Neben Werken von Arnold Schönberg, darunter die Kammersinfonie, sowie von Scchönbergs Lehrer Alexander von Zemlinsky stand auch die Uraufführung von Alban Bergs sechs Stücken für Orchester auf dem Programm.

Aufhören! Schluss! Nicht weiterspielen!

Zwischenrufe bei der Aufführung des 2. Streichquartetts, vermutlich von Kritiker Ludwig Karpath

Das konservative Wiener Publikum war von der Atonalität der Zweiten Wiener Schule total überfordert. Vereinzeltes Gelächter führte zu Tumulten und kollektiven Schlägereien. Erhard Buschbeck, Mitglied des „Akademischen Verbandes für Literatur und Musik“ und Veranstalter des Konzerts, ohrfeigte daraufhin einen der Störenfriede. Zur Aufführung von Mahlers Kindertotenliedern, dem geplanten Konzertabschluss, sollte es nicht mehr kommen. Das Konzert musste abgebrochen werden. Der Operettenkomponist Oscar Straus zeigt sich später vor Gericht uneinsichtig:

Auch ich, Herr Richter, offen gestanden, habe gelacht, denn warum soll man nicht lachen, wenn etwas wirklich komisch ist.

Oscar Straus

Laut Straus war das Klatschen der Ohrfeigen „noch das Melodiöseste, das man an diesem Abend zu hören bekam.“ Den Namen verdankt das Konzert seinem medialen Echo. Sehr zum Ärger von Alban Berg. Und Anton Webern.

Das ganze ist so scheußlich, daß man am liebsten weit entfliehn möchte. Denk Dir, daß man die Unverschämtheit hatte mich brieflich um eine Fotographie für eine Karikatur anzugehn!!! Von der Redaktion der Zeit aus!!!

Alban Berg an Anton Webern Anfang April 1913

Der Zeitung ist doch der Anlaß Wurst, sie will einfach das Publikum ergötzen durch diese Schweinereien. Und je größer die Schweinerei, desto befriedigter ist sie.

Anton Webern an Alban Berg am 7. April 1913

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Karikatur in „Die Zeit“ vom 6. April 1913

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Genau hundert Jahre nach dem „Watschenkonzert“ wurde das Programm im Wiener Musikverein wiederholt. Ein schönes Beispiel dafür, wie lange ein richtig guter Skandal nachdieseln kann.

Aus Skandalen im Konzertsaal kann man vor allem eines lernen: Sie sind alle verschieden und resultieren aus einem komplexen Zusammenspiel von Musik und zeitgeschichtlichem Kontext. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Aufmerksamkeit.

Das ist gut für den Konzertkalender des Künstlers, aber im Fall Esfahani auch gut für das Instrument:

Es ist genau das, was ich mir für mein Instrument wünsche. Weg von dem Gedanken, dass Musik nur ein sachlich schönes Ding nach dem Morgenkaffee ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das erste Mal ist, dass ein Cembalo-Konzert tumultartige Zustände verursacht hat.

Mahan Esfahani auf Facebook nach dem Skandal in Köln

Mehr als ein Jahr ist diese Geschichte nun alt und eigentlich ist sie zu Ende erzählt. Doch der Heidelberger Frühling lässt es sich nicht nehmen, das neugewonnene Skandalpotential zu vermarkten. Zum Beispiel auf der hauseigenen Facebook-Seite:

Wir brauchen Skandale. Seit der Mensch das Feuer für sich entdeckt hat, liebt er es, damit zu spielen. Skandale im Konzertsaal wird es immer geben, sie wühlen auf, setzen Dinge in Gang und schreiben Geschichten. Nur oftmals tun sie das so laut, dass sie die Musik überdecken.

 

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